Shoppen mit Zeitbegrenzung

Seit dem 8. März dürfen die Einzelhändler ihre Geschäfte wieder für Kunden öffnen. Voraussetzung für einen Shoppingbesuch ist eine vorherige Terminvereinbarung. Und auch die Kosmetiksalons haben wieder geöffnet. Wer eine Behandlung wünscht, muss jedoch einen negativen Corona-Test vorzeigen. Doch wie liefen die ersten Tage? Wir haben nachgefragt.

Wir haben in der "Verrückten Nadel" von Susan Müller vorbeigeschaut - natürlich mit Termin!, Fotos: wsw (2)

Werder (Havel), 22. März 2021 – Es wirkt wie ein Tropfen auf den heißen Stein: Seit dem 16. Dezember 2020 sind die meisten Geschäfte des Einzelhandels bundesweit geschlossen. Nun dürfen sie endlich wieder öffnen, jedoch unter strengen Auflagen. Wo zuvor nur das Konzept „Click & Collect“ möglich war – man orderte die Ware online oder per Telefon und holte sie fertig zusammengepackt vor der Tür des Geschäfts ab – dürfen die Einzelhändler nun auch wieder Beratungen nach dem „Click & Meet“-Prinzip anbieten. Das bedeutet, dass sich ein Kunde pro 40 Quadratmeter Verkaufsfläche im Laden befinden darf, Voraussetzung: Der Zeitraum des Einkaufs ist begrenzt und der Besuch muss für eine eventuelle Kontaktnachverfolgung dokumentiert werden. 

Wer eine körpernahe Dienstleistung in Anspruch nehmen möchte, muss noch einen Schritt weiter gehen: Bei Dienstleistungen, bei denen nicht dauerhaft eine Maske getragen werden kann, wie zum Beispiel bei der Kosmetik, sind ein tagesaktueller COVID-19-Schnell- oder Selbsttest des Kunden und ein Testkonzept für das Personal Voraussetzung. Doch wie lassen sich die strengen Bestimmungen in der Praxis umsetzen? Wir haben nachgefragt.

Die Verrückte Nadel

Das Telefon klingelt, Nachrichten trudeln im Minutentakt ein. Wir besuchen Susan Müller in ihrer „Verrückten Nadel“ in der Brandenburger Straße 99. Seit wenigen Tagen darf sie ihre Kundinnen und Kunden nach Terminvereinbarung wieder in ihrem Laden empfangen. „Jeder Kunde kann eine Stunde in meinem Sortiment stöbern, eine persönliche Beratung von mir ist natürlich inklusive. Zur Zeit begrüße ich durchschnittlich fünf Kunden am Tag. Das sind zu den 20, die ich vor dem Lockdown täglich im Lädchen hatte, zwar bedeutend weniger, aber ich bin so dankbar, dass ich meine Türen überhaupt wieder öffnen darf! Und ich freue mich wirklich über jeden Kunden, auch wenn er nur eine Garnrolle kauft“, erklärt Susi lachend. 

Die letzten Monate waren für die Einzelhändler unserer Region nicht einfach. Ihre Geschäfte mussten sie bis auf unbestimmte Zeit schließen, Rechnungen mussten jedoch weiterhin bezahlt werden und die Zukunft? Ungewiss. Die Öffnung mit Terminvereinbarung ist für die vielen Inhaber*innen zumindest eine kleine Erleichterung und ein kleiner Schritt Richtung Normalität. 

„Ich bin von Montag bis Sonntag für meine Kunden erreichbar, das Telefon stelle ich meist erst am späten Abend aus. Ich habe auch im Lockdown meine vielen lieben Kundinnen und Kunden regelmäßig mit Videos, Produktvorstellungen und Nähprojekten via Facebook, WhatsApp und Google Maps informiert. Das war ein unglaubliches Arbeitspensum, aber es hat sich gelohnt“, freut sich Susan Müller mit Blick auf ihren Terminkalender. Ordentlich werden die Daten jedes Kunden notiert und abgeheftet, sodass jeder Kontakt nachverfolgt werden kann. 

„Es ist natürlich weiterhin möglich, dass man mich anruft oder Ware per E-Mail ordert und dann abholt“, so die Inhaberin der Verrückten Nadel. „Wer mit einem Termin bei mir ist, muss sich auch nicht genötigt fühlen, etwas kaufen zu müssen. Ich bekomme zwar weiterhin regelmäßig neue Ware, aber es findet ja nicht immer jeder Kunde etwas. Und wenn es am Ende nur ein Knopf wird und es von mir ein paar Nähtipps kostenlos dazu gibt, so freue ich mich dennoch, endlich wieder etwas Leben hier in meinem Lädchen zu haben!“ 

Als wir uns gerade verabschieden möchten, fährt ein Paketwagen vor, mit neuer Ware im Gepäck. Susi ist glücklich: „Das ist die neue Frühlingsware! Ich muss die Saisonware immer schon ein halbes Jahr im Voraus bestellen. Und jeder Cent, den ich einnehme, wird wieder in neuen wundervollen Jersey, glitzernde Bündchen oder farbenfrohe Baumwollstoffe investiert.“ Wir notieren uns, bald wieder vorbeizuschauen, um die neue Ware im ausgepackten Zustand bewundern zu können.

Life Balance

Am Telefon erreichen wir Kerstin Hinterleitner vom Life Balance in der Bernhard-Kellermann-Straße 17. Wir möchten von ihr eine Einschätzung der vergangenen Tage erhalten. 

Kerstin Hinterleitner, Foto: Kristin Stein

„Die Eröffnung war der absolute Wahnsinn. Ich habe mich so sehr auf diesen Tag gefreut und meine Kunden auch“, verrät sie uns. Auch während des Lockdowns hat sie stets den Kontakt zu ihren Kundinnen und Kunden gehalten. „Ich habe sie weiterhin online beraten und Produktempfehlungen gegeben. Dadurch wussten natürlich auch viele, wann es wieder los geht und hintereinander flogen die Termine per Telefon oder Onlinebuchung herein.“ Voraussetzung für eine Kosmetikbehandlung im Life Balance ist ein negativer Coronatest. „Das war aber überhaupt keine Hürde“, versichert Kerstin Hinterleitner. 

Die Kosmetikerin und medizinische Permanent Make-up Artist ist froh und glücklich, endlich wieder arbeiten zu können. Doch auch an die Zeit des Lockdowns erinnert sie sich gerne zurück: „Es war eine interessante Entwicklungsreise bzw Zeit! Aus allem Negativen entspringt immer was Positives. Man lernt, sich neu zu entdecken, und aus der Not eine Tugend zu machen, Neues zu probieren und damit Erfolg zu haben. Ich bin dankbar dafür, dass unsere Kunden bereit für Neues waren und unter anderem das Online-Beautycoaching angenommen haben. Es war trotz der Umstände eine sehr inspirierende Zeit.“ 

Boutique Inselglück

Zuletzt besuchen wir Christine und Claudia Fürst in ihrer Boutique „Inselglück“ Unter den Linden 1. „Die ersten Tage liefen super“, verrät uns das Mutter-Tochter-Gespann. „Wir hatten viele Anfragen und die Kundinnen freuen sich, wieder zu stöbern, zu probieren und trendige Farben aus der neuen Kollektion zu sehen.“ Termine für den Bummel im Inselglück kann man über WhatsApp, Instagram, Facebook und die Internetseite vereinbaren. „Die Kunden können auch spontan einfach an der Ladentür klopfen und einen Termin zur Einzelberatung erfragen.“

Für Claudia und Christine Fürst ist die momentane Regelung ein Schritt in die richtige Richtung. Für die beiden fühlt es sich nach der langen Zeit des Schließens wieder nach Normalität an. „Es ist ein unglaublich gutes Gefühl, endlich wieder im Geschäft zu stehen und Kunden bgrüßen zu dürfen.“

Doch die neue Regelung bringt natürlich nicht nur Positives mit sich. „Durch die Terminierung fällt es einigen Kunden schwer, in Ruhe zu stöbern, ohne das Gefühl zu bekommen, unter Zeitdruck zu stehen. Außerdem fehlt auch das ausgelassene Shoppen mit der besten Freundin oder die vielen Shoppingeventes, die wir so gerne wieder anbieten würden“, sind sich Claudia und Christine einig. 

Doch auch die beiden Werderanerinnen versuchen, aus dieser schwierigen Zeit etwas Gutes zu ziehen: „Rückblickend war die letzte Zeit keine einfache. Wie so viele andere Einzelhändler auch, kämpfen wir mit Existenz- und Verlustängsten. Wir sind unseren Stammkunden unglaublich dankbar, dass sie uns in den letzten Wochen so toll unterstützt haben. 

Wir versuchen, immer etwas Positives aus Allem zu ziehen, zu wachsen und umzudenken und offen für neue Möglichkeiten zu sein. Wir haben in den letzten Wochen unsere Social Media Präsenz ausgebaut und verstärkt auf den Onlineverkauf gesetzt und dadurch auch viele neue Kunden gewonnen. Letztendlich fehlt dabei aber auch die persönliche Beratung. 

Für die Zukunft wünschen wir uns einen schnellen Weg zur Öffnung der Geschäfte und dass wir gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.“ 

Diesen Wünschen schließen wir uns gerne an. (wsw)

Claudia und Christine Fürst