„Solange es erforderlich ist, werden wir dort arbeiten.“

Werder (Havel), 27. März 2020Am 18. März ist die Anlaufstelle für Atemwegserkrankte in Werder in Betrieb genommen worden. Die beteiligte Allgemeinmedizinerin Dr. Christine Falk  (linkes Foto) und die Internistin Anja Malysch (rechtes Foto) sprechen im Interview über die ersten anderthalb Wochen, die Idee hinter der Einrichtung, die Vorteile für Patienten und die Zukunft der Anlaufstelle.

Der Start der Anlaufstelle für Atemwegserkrankte ist geschafft. Wie ist ihr Eindruck? Wird dieses Angebot angenommen?

F: Nach anderthalb Wochen haben wir den Eindruck, dass es sehr gut läuft. Es gibt eine sehr gute Resonanz aus der Bevölkerung. Viele Patienten fühlen sich in der Anlaufstelle gut aufgehoben. In Zusammenarbeit mit den ärztlichen Kollegen und der Stadtverwaltung gibt es eine tolle Organisation.

M: Im Vergleich zu vielen anderen Gemeinden wurde von der Stadt auch eine gute Ausstattung mit wichtigen Schutzmaterialien organisiert. Das betrifft außerdem auch die Raumaufteilung und die Hygiene. So muss keiner der Patienten und ärztlichen Kollegen Angst haben, ungeschützt in die Nähe eines womöglich erkrankten Patienten zu geraten.

Gibt es immer noch Atemwegserkrankte, die zu ihrem Hausarzt gehen und nicht zur Anlaufstelle kommen?

M.: Es gibt nur noch wenige Atemwegserkrankte, die noch die Praxen im Raum Werder aufsuchen. Wenn sie doch kommen, dann reagieren sie mit sehr viel Verständnis darauf, an die Anlaufstelle weiter geleitet zu werden.

Wie nehmen es die Patienten auf, dass sie von Ärzten, Schwestern und Mitarbeitern in Schutzkleidung empfangen werden?

F.: Der Großteil der Patienten reagiert verständnisvoll. Es gibt nur einige wenige, die etwas irritiert wirken. Das Bild eines Hausarztes in einer solchen Montur ist ja auch etwas sehr Ungewöhnliches für Patienten, die so etwas noch nie gesehen haben.

Wie ist es für die Ärztinnen und Ärzte, vier Stunden lang in der Schutzmontur zu arbeiten?

F.: Das ist natürlich anstrengend, aber vor dem gegebenen Hintergrund trotzdem sinnvoll und am Ende auch machbar.

M.: Das Setting ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber wir sind auch dankbar dafür, dass wir in der Bündelung die Patienten dort vor Ort triagieren, anschauen und gegebenenfalls auch testen können.

Muss ein Patient Angst haben, zur Anlaufstelle zu kommen?

M.: Im Gegenteil, die Wartezeiten in der Anlaufstelle sind deutlich kürzer als in der Hausarztpraxis und die Größe des Wartebereiches, bei dem es sich ja um eine Turnhalle handelt, verhindert die Ansteckungsgefahr im Vergleich zu einem engen Wartezimmer.

Was passiert mit den Corona-Verdachtsfällen? Wann wird ein Abstrich genommen und was passiert dann mit dem Abstrich?

M.: Die Coronapatienten haben einen eigenen Wartebereich und eigene Behandlungsräume, sie werden als erstes behandelt und danach sofort wieder entlassen. In Abhängigkeit von den aktuellen Indikationskriterien werden alle Verdachtsfälle abgestrichen. Die Patienten werden über das weitere Vorgehen sorgfältig aufgeklärt. Wir bitten die Patienten, sich in häusliche Quarantäne zu begeben und soziale Kontakte zu vermeiden. Grundsätzlich wird der Abstrich ins Labor geschickt.

F.: Es gibt dann vom Labor an uns eine Rückmeldung, die wir an das Gesundheitsamt weiterfaxen. Und das nimmt dann wiederum Kontakt mit dem Patienten auf, dessen Telefonnummer wir beim Erstkontakt ja schon notiert haben.

Was passiert mit den normalen Erkältungspatienten?

F.: Die Patienten werden bereits am Eingang bei sehr leichten Beschwerden auf die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung durch den Hausarzt hingewiesen. Alle anderen Patienten, die eine ärztliche Untersuchung benötigen, werden von den Kollegen vor Ort in der Anlaufstelle angeschaut und beraten.

M.: Sie bekommen auch Medikamente aufgeschrieben. Sie bekommen die Krankschreibung und auch weitere Verhaltensmaßregeln. Und sie können sich im Bedarfsfall auch jederzeit wieder in der Anlaufstelle vorstellen.

Entspricht das Verhältnis der Patientenzahl und der Corona-Verdachtsfälle Ihren Erwartungen?

F.: Es läuft ja noch nicht so lange, wir haben vielleicht mit einem etwas größeren Ansturm von Verdachtsfällen gerechnet. Es gab bis zum Freitag (27. März) deutlich weniger positiv getestete Patienten in unserer Region als erwartet, worüber wir natürlich sehr glücklich sind. Wir sollten uns aber dennoch nicht in falscher Sicherheit wiegen, weil die Welle erst noch kommt.

Wie sieht es mit der Ausstattung mit Schutzkleidung und Desinfektion in der Anlaufstelle und wie sieht es damit bei den Hausärzten in Werder aus?

M.: Hier einmal ein großes Lob an den Einsatz der Stadtverwaltung, die wirklich ganz unkompliziert und flexibel auf unseren Bedarf an Schutzausstattung eingegangen ist und von sich aus ganz viele Hilfsangebote stellt und uns unterstützt. Das läuft trotz der widrigen Umstände alles wirklich großartig. Die Ausstattung bei den Hausärzten ist bei weitem nicht so gut wie in der Anlaufstelle. Die Hausärzte werden jetzt aber von der Kassenärztlichen Vereinigung besser unterstützt.

F.: Erst gestern haben wir Mundschutz- und Atemschutzmasken bekommen. 10 pro Arzt, das ist nun auch nicht viel, aber eine kleine Grundlage. Das macht die Arbeit in der Anlaufstelle umso ökonomischer, sinnvoller und sicherer für alle.

Wie lange wird die Anlaufstelle für Atemwegserkrankte noch in Betrieb sein?

F.: So lange der Bedarf da ist und wir die Möglichkeit haben, durch die geschlossenen Schulen die Turnhalle zu nutzen, so lange werden wir dort im Rotationsprinzip mit den ärztlichen Kollegen auch arbeiten. Natürlich hoffen wir alle, dass es sich nur um eine begrenzte Zeit handelt, unser Leben in der nächsten Zeit wieder in die Normalität zurückkehren und jeder ohne Angst in eine Arztpraxis gehen kann. Aber solange wie es erforderlich ist, werden wir in der Anlaufstelle arbeiten.

Das Konzept der Anlaufstelle unterscheidet sich vom medizinischen Umgang mit der Situation in vielen anderen Kommunen. Wie ist es dazu gekommen?

F.: Bevor die Anlaufstelle gegründet wurde, gab es ein konspiratives Treffen von einer Handvoll Hausärzten aus dem Raum Werder. Wir hatten alle ein Schreiben der Kassenärztlichen Vereinigung in der Hand, in dem wir darum gebeten wurden, uns zu überlegen, wie man gefahrlos Abstriche bei Verdachtsfällen auf Covid-19 machen kann. Wir im Kollegenkreis haben uns dann gegen eine reine Abstrichstelle entschieden. Wir haben uns überlegt, wie wir eine möglichst gute Versorgung unserer Patienten mit Atemwegsinfekten organisieren können. Nach dem Gespräch sind wir mit der Stadt in Kontakt getreten und hatten dann noch am selben Wochenende große Unterstützung. In kürzester Zeit wurde ein Konzept auf die Beine gestellt. Nahezu alle ärztlichen Kollegen aus der Region Werder konnten für das Prinzip begeistert werden, so dass wir seit dem 18. März in großer Anzahl an hausärztlichen Kollegen diese Anlaufstelle bedienen, dort arbeiten und Patienten versorgen.

M.: Das war uns wichtig, nicht nur die Abstriche zu machen sondern eine Rundumversorgung des Patienten zu gewährleisten, ohne dass Kollegen in den Hausarztpraxen gefährdet werden, die keine Schutzkleidung anhaben.

War das aus heutiger Sicht eine gute Idee?

M.: Ein uneingeschränktes Ja.