“Solidarität kommt tausendfach zurück”

Die Werderanerin Marie Dinkgrefe unterstützt mit dem Verkauf von aus Flüchtlingsdecken genähten Jacken das Projekt "Naomi - Remember Idomeni" im griechischen Thessaloniki

Werder (Havel), 6. November 2018 – „Das ist ja eine schöne Jacke“ – ein Satz, den ich in jüngster Zeit öfter höre. Es handelt sich um eine schlichte graue Jacke, fast ein Mantel. Er wärmt ganz wunderbar und jedes Mal, wenn ich ihn anziehe, wird mir auch ein bisschen warm ums Herz. Klingt ganz schön übertrieben, ist aber so. Denn ich trage eine ehemalige Flüchtlingsdecke. „Remember Idomeni” steht auf dem Label. Ich weiß nicht, wen diese Wolldecke wärmte, in den eisigen Nächten in dem griechischen Camp. Ich hoffe, er oder sie ist gesund, am Leben und fröhlich. Denn wenn ich an Idomeni denke, schäme ich mich für die Welt. Erinnert ihr euch an Idomeni? Man vergisst so schnell. In dem kleinen griechischen Ort an der Grenze zu Mazedonien harrten Tausende Menschen über den kalten Winter 2015/2016 in der Hoffnung auf eine Wiederöffnung des Weges nach Mitteleuropa über den Balkan. Die Hoffnungen wurden nicht erfüllt.

Und auch das Flüchtlingscamp ist weg. Bis zu 15.000 Menschen lebten hier in einem für gerade mal für 1.500 Menschen angelegten Flüchtlingscamp unter unwürdigsten Bedingungen. Der ehemalige deutsche Bundesarbeitsminister Norbert Blüm übernachtete in der Nacht vom 12. auf den 13. März 2016 medienwirksam im Camp, um seine Solidarität mit den Flüchtlingen im Flüchtlingslager zu bekunden. Im gleichen Jahr wurde es von der Polizei geräumt. Bilder, die in meinem Kopf bleiben werden.

Gekauft habe ich die Jacken – denn inzwischen habe ich bereits drei erworben – zu einem von mir gewählten Preis von Marie Dinkgrefe. Ich gab ihr jeweils 50 Euro und weiß, dass das Geld an das Integrationsprojekt Naomi in Thessaloniki überwiesen wird.
Marie Dinkgrefe lebt und arbeitet in Werder. Ich traf sie das erste Mal im Foyer des Schützenhauses an dem Abend, an dem Bürgermeisterin Manuela Saß und Pfarrer Georg Thimme zu einem Bürgerdialog im Rahmen der Aktionswoche „Weltoffenes Werder” eingeladen hatten. Nicht nur ich war von der Qualität und dem modernen Design der Jacken begeistert.

Unterstützt wird mit dem Erlös Naomi Thessaloniki, eine ökumenische Werkstatt für Flüchtlinge mit mehreren Projekten. Die Nähwerkstatt beschäftigt geflüchtete Menschen, hier können sie im geschützten Raum eigene Sachen ändern und auch bei der Produktion mitmachen. Alle Produkte sind handgemachte Unikate und von hoher Qualität. Die Jacken aus gereinigten Decken aus dem Lager Idomeni sollen dazu beitragen, dass die Erinnerung an die elenden Verhältnisse in Idomeni und Griechenland wach gehalten werden. Deshalb heißt das Label „Remember Idomeni“. Naomi ist die Idee der ehemaligen evangelischen Pfarrerin von Thessaloniki und der aus Deutschland nach Griechenland gezogenen Textilingenieurin Elke Wollschläger. Mich erinnerte das gleich an die Erzählungen meiner Mutter, die froh war, eine talentierte Schneiderin als Schwester zu haben, die nach Kriegsende in Glindow ebenso fleißig aus Decken oder anderen Materialien Mäntel und Kleider für die Familie nähte.

Marie Dinkgrefe hatte ein ebenso gutes Gefühl, als sie das Naomi-Projekt durch eine Freundin kennenlernte, die die Nähwerkstatt in Thessaloniki schon länger unterstützte. Marie Dinkgrefe half ihr beim Verkaufen und überlegte, dass es auch in Werder entsprechende Möglichkeiten geben müsse. Beim Bürgerdialog im Schützenhaus, bei einer Veranstaltung in der Klimawerkstatt und auch beim Konzert zum Abschluss der “Aktionswoche für ein weltoffenes Werder“ an der Kirche in Werder konnte Marie Dinkgrefe Jacken, Schürzen, Lavendelkissen und Tuniken für den guten Zweck verkaufen.

„Man kann viele Sachen machen, um sich für geflüchtete Menschen zu engagieren“, sagt sie. Sie glaubt, dass das Erlernen eines Handwerks den Geflüchteten nicht nur hilft, die eigene Kleidung aufzubessern und selbst etwas anzufertigen, was dann verkauft werden kann. „Es ist eine schöne Möglichkeit, Menschen zu integrieren.“ Außerdem würden durch die Teilhabe und durch die Gruppe die so wichtigen sozialen Kontakte ausgebaut, das Selbstwertgefühl gestärkt.

„Meine Erfahrung mit Solidarität – sie kommt tausendfach zurück“, sagt Marie. Auch aus ihren früheren Aktivitäten und ihrem politischen Engagement weiß sie, dass Kontakt zu Menschen unterschiedlicher Nationalitäten wichtig ist. „Man lernt so viel dabei. Das ist auch eine Motivation, nicht immer nur an sich zu denken, sondern über den Tellerrand hinauszuschauen“. Und das Naomi-Projekt lohne, in die Öffentlichkeit gebracht zu werden, ist sie überzeugt. “Ich möchte durch den Verkauf ein gutes Integrationsprojekt für die Geflüchteten in Thessaloniki unterstützen. Die Integration von Menschen, die ein neues Zuhause brauchen, liegt mir am Herzen”.

Einige Jacken hat sie noch, auch Lavendelkissen, Tuniken, Schürzen. Die nächste Möglichkeit, mit dem Kauf die Nähwerkstatt in Thessaloniki zu unterstützen, gibt es am Samstag, dem 1. Dezember, beim weihnachtlichen Basar in der Waldorfschule in Werder (Havel). Wer sich direkt an Marie Dinkgrefe wenden möchte, kann dies unter ihrer Mailadresse: marie.dinkgrefe@jpberlin.de machen. Mich würde es freuen, wenn ich in Werder demnächst viele Menschen in diesen Jacken sehen würde … (wsw)


Naomi Thessaloniki
Ökumenische Werkstatt für Flüchtlinge mit mehreren Projekten, u.a. die Nähwerkstatt. In den NAOMI-Nähkursen lernen Menschen mit Fluchtgeschichte das Arbeiten an unterschiedlichen Nähmaschinen. Die Teilnehmenden werden fit gemacht, Änderungen für den Eigenbedarf vorzunehmen oder auch für die Arbeit in der Produktion. Materialien für den Kurs werden von NAOMI bereitgestellt. Der Unterricht findet auf Englisch und Griechisch statt. Hier ein Link zu einem erklärenden Video. Hier das Pdf mit den Produkten, es gibt nicht nur Mäntel und Jacken aus Flüchtlingsdecken aus dem Lager Idomeni. Ziel ist es, Flüchtlinge im Bereich Textil auf den griechischen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Naomi ist eine NGO (Nichtregierungsorganisation).