Stopp! – Ich möchte das nicht!

"Stopp" sagen, Grenzen setzen! Beim Anti-Mobbing-Song gaben zum Abschluss auch die Experten nochmal alles auf der Bühne., Fotos: wsw

Werder (Havel), 5. Dezember 2019 – Kinder sollen gerne zur Schule gehen, Spaß am Lernen haben und sich in einem gefestigten Klassenverband wohlfühlen. Das wünschen sich wahrscheinlich alle Eltern für ihre Kinder. Doch die Realität sieht leider anders aus. Mobbing kommt in fast jeder Klasse vor und auch abseits der Schulzeit gibt es kaum jemanden, der sich noch nicht mit dem Thema Mobbing beschäftigen musste.

Unter dem Motto “Gesunder Lebensraum Schule / Mobbingfrei – Klasse sein” haben Christine Pohl und Katja Ledder ein ganz besonderes Projekt ins Leben gerufen, das Kinder, Lehrer und Eltern für dieses schwierige Thema sensibilisiert. In dreitägigen Workshops setzen sich Grundschüler/innen ab der Klassenstufe 3 in Bewegungs-, Rollen- und Teamspielen, Gesprächen und Workshops intensiv mit Mobbing auseinander und beschäftigen sich mit den folgenden Fragen: Was ist Mobbing eigentlich? Wo fängt Mobbing an? Und wie kann man Mobbing vorbeugen/verhindern und aus dem Schulalltag vertreiben?

Vom 3. bis zum 5. Dezember waren Christine Pohl und Katja Ledder mit ihrem Expertenteam an der Carl-von-Ossietzky-Oberschule mit angegliederter Primarstufe zu Gast. Das Anti-Mobbing-Projekt stieß sowohl bei den Kindern als auch bei den Lehrern sofort auf große Begeisterung. Den Höhepunkt der Projekttage bildete der Anti-Mobbing-Abend, der gestern im Scala Kulturpalast stattfand. Es war die erste Veranstaltung dieser Art und Christine Pohl, die Geschäftsführerin der Pohlibri-Verlag UG und Autorin der beliebten “Moppel und Mücke”-Bücher, fehlten angesichts der positiven Resonanz die Worte. Ihre Tochter Katja Ledder, die als stellvertretende Geschäftsführerin und Kursleiterin fungiert, freute sich: “Das zeigt uns, dass wir mit unserem Projekt auf dem richtigen Weg sind.”

In kurzweiligen, äußerst unterhaltsamen und vor allem informativen Vorträgen erläuterten die Mobbing-Experten ihre Motivation für das Projekt und die Arbeit mit den Kindern.

Den Anfang machte Jens Dietz, der als psychologischer Berater/Personal Coach, Teamberater, Mentaltrainer, Heilpädagoge und Erzieher tätig ist. Der 42-Jährige zog die zahlreichen Besucher, die im Scala Platz genommen hatten, sofort in seinen Bann. Sein Anliegen ist, die Kinder in ihrem Sein zu stärken. “Ich gebe den Kids gerne als Aufgabe, etwas über sich selbst zu lernen. ‘Was gibt es an mir, worüber sich andere lustig machen könnten?’ Sobald die Kinder ihre vermeintlichen Schwächen akzeptieren und sie zu ihren Stärken machen, ist ein großer Schritt getan”, so Jens Dietz. Mobbing geschieht immer absichtlich und Mobbing hat viele Facetten. Manchmal ist es auch nur ein Missverständnis, das fälschlicherweise als Hänselei verstanden wird. “Wichtig ist immer, schnell zu reagieren”, mahnt der Experte. “Eltern und Lehrer müssen lernen, wie man Mobbingopfer und auch Mobber erkennt. Hier ist die Kommunikation zwischen Eltern, Kindern und Lehrern entscheidend. Miteinander und nicht gegeneinander heißt hier die Devise.” In verschiedenen Rollenspielen erarbeitet Jens Dietz mit den Kindern, wie sie im Klassenverband miteinander umgehen können. “Wir als Eltern müssen hier als Vorbild fungieren: Wenn wir Interesse an unserem Kind zeigen, zeigt es auch Interesse an seinen Mitschülern.”

Sportlich wurde es im Anschluss mit Uli Turowski. Seit 35 Jahren trainiert er Kinder in Vereinen sowie in Fußball- und Sportcamps und seit über 20 Jahren führt er Fußballcamps bei Vereinen sowie Sport- und Gesundheitstage für Kinder und Jugendliche in sozialen Einrichtungen und Schulen unter dem Motto “Training. Lernen. Leben” durch. “Kinder müssen lernen, dass sie auch Fehler machen dürfen”, so der Coach. “Wir lösten unsere Probleme früher direkt auf dem Spielfeld. Heute ist Mobbing über Social Media einfacher, die direkte Auseinandersetzung fehlt. In verschiedenen Teamgeistspielen übe ich mit den Kindern, wie sie aufeinander eingehen können. Die Teams sind wahllos zusammengestellt und so müssen auch mal Kinder, die sich vielleicht nicht so gerne mögen, an einem Strang ziehen.”

Den Abschluss bildete der Vortrag von Christoph Teege. Er ist Dipl.-Ing.(FH), Autor, Trainer für Speed Reading (Schnelllese-Seminare) und Boxcoach. Erst 2010 fing er mit dem Boxen an und wurde 2016 zum WBU Semipro Boxweltmeister gekürt. Er hilft Kindern und Jugendlichen dabei, ihr Selbstvertrauen zu stärken und ihren Mut zu steigern, auch mal “Nein” zu sagen. Gerne nutzt er für seine Seminare Parallelen zum Boxsport: “Im Ring steht einem ein ebenbürtiger Gegner gegenüber, beim Mobbing ist dies anders. Wir müssen Kinder ermutigen, starke Persönlichkeiten zu entwickeln, die es nicht nötig haben, andere zu hänseln, und die ihre Freunde beschützen können.” Christoph Teege weiß aber auch, dass manche Mobber einfach nicht aufhören. Doch wie können sich die Kinder gegen solche extremen Angriffe schützen? “Ich zeige den Kindern immer am Ende des Workshops, wie sie sich vor Übergriffen schützen können. Das Wissen darüber, dass man sich im Ernstfall verteidigen könnte, stärkt das Selbstvertrauen der Kinder ungemein.”

v.l.: Katja Ledder, Christoph Teege, Jens Dietz, Christine Pohl, Uli Turowski und Carsten van den Berg

Für einen kleinen Gänsehautmoment sorgte der Chor der CvO. Mit engelsgleichen Stimmen sangen die Schülerinnen und Schüler unter anderem den eigens für das Projekt komponierten Anti-Mobbing-Song, der aus der Feder von Kinderliedsänger Carsten van den Berg stammt. Der Song läuft übrigens auch bei Radio Küken und Radio Teddy – Reinhören lohnt sich!
Über eine besondere Überraschung durften sich die vier Klassenlehrerinnen der teilnehmenden Klassen sowie die Direktorin und die Schulsozialarbeiterin der CvO freuen. Christine Pohl und Katja Ledder überreichten ihnen schöne Plakate und Informations-Material, das sie bei ihrer weiteren Arbeit mit den Kindern gut nutzen können. “Uns liegt Nachhaltigkeit besonders am Herzen, unser Projekt soll auch nach dem Ende noch in guter Erinnerung bleiben und auf die Schüler und Lehrer wirken”, erklärt Katja Ledder.

Mobbing ist wie ein Flächenbrand, der schnellstmöglich im Keim erstickt werden muss. Und gerade in der Grundschulzeit ist Prävention besonders wichtig. Die Kinder sind ein wilder, bunt gemischter Haufen – die einen tragen Markenklamotten, bei den anderen zwickt das Shirt, weil es zu klein ist, aber Geld für ein neues fehlt. Kindern sind solche Unterschiede eigentlich egal, es sind wir Erwachsene, die ihnen (unbewusst) vorleben, was wichtig und schön ist. Mobbing bedeutet, dass eine Person über einen längeren Zeitraum herablassenden Maßnahmen ausgesetzt ist. Was genau ein “längerer Zeitraum” und “herablassende Maßnahmen” bedeuten, ist für jeden Menschen individuell. Umso wichtiger ist es, dass man sein Kind bewusst wahrnimmt und schon auf die kleinste Persönlichkeitsveränderung reagiert. Nur gemeinsam kann man dem Mobbing-Monster den Schrecken nehmen. (wsw)