Unsere Friedhöfe sind endlich „Kulturgut“

Ein Gastbeitrag von Dr. Baldur Martin

Im Alten Friedhof sind die historischen eisernen Grabeinfassungen besonders bemerkens- und erhaltenswert., Fotos: Dr. Baldur Martin

Werder (Havel), 22. November 2020 – Es ist eine Empfehlung der Deutschen UNESCO-Kommission: Bereits Mitte März dieses Jahres wurde die Aufnahme der „Friedhofskultur Deutschland“ in das Kulturerbe-Verzeichnis beschlossen.

Das weltweit Besondere an unseren Friedhöfen ist, dass die Gräber als kleine Gärten der Erinnerung gestaltet und in der Regel in einen Park eingebettet sind. Die Grabstätten werden geschmückt mit Blütenpflanzen, auf ihnen blühen kleine Ziergehölze oder Stauden, eingefasst sind sie häufig durch immergrüne Hecken. So wird das Grab unter anderem auch bienenfreundlich. Bei einer anonymen Beerdigung kann davon natürlich keine Rede sein. Dazwischen wachsen vereinzelt tiefwurzelnde, schattenspendende, die Vertikale betonende Bäume. Insgesamt also können Friedhöfe wichtige Grünflächen in einer Stadt sein und zum Klima- und Naturschutz beitragen.

Diese Friedhofskultur hat sich über viele Jahrzehnte entwickelt. Nicht umsonst sind die Gräber für viele der Hinterbliebenen Gedenkorte und Gärten der Erinnerung. Worte wie „Ruhe in Frieden“ gehören als Ausdruck großer Zuneigung zum allgemeinen Sprachgebrauch. Lassen sich unsere Friedhöfe in Werder auch ohne Wenn und Aber in dieses „immaterielle Kulturerbe“ einreihen? Ich denke schon.

Der Alte Friedhof war spätestens 1907 voll belegt. 1908 schließlich konnte der Neue Friedhof in der Kemnitzer Straße eingeweiht werden. Er war von dem bekannten Gartenarchitekten Bauer aus Magdeburg als Vorzeige-Friedhof geplant worden.

Die Stadtverwaltung hat nach der Wende sehr viel zur Erhaltung beitragen lassen: die Mauer entlang der Kemnitzer Straße wurde aufwendig erneuert, die Trauerhalle wurde entsprechend den modernen Anforderungen wieder hergerichtet usw. Gegenwärtig soll abschnittsweise mit der Rekonstruktion der Hauptwege begonnen werden. So ähnlich müht man sich um den Alten Friedhof. In der DDR sehr vernachlässigt, wurde nach der Wende der Geräteraum zur funktionstüchtigen Trauerhalle ausgebaut und vor allem wurde das Wegesystem erneuert.

Das Problem ist, dass das Verwaltungshandeln von der Öffentlichkeit kaum als geplantes Rekonstruktionskonzept wahrgenommen wird. Es wirkt wie Stückwerk, obwohl sicher sehr viel Einsatz, auch finanzieller, damit verbundenen ist. In der heutigen Ich-Gesellschaft glaubt vermutlich der Eine oder Andere, dass er nach Gutdünken schalten und walten kann, so als wenn es eine verbindliche Friedhofsordnung überhaupt nicht gäbe. Jetzt halten sogar „Schottergärten“ Einzug auf den Friedhöfen. Bereits in der Friedhofsordnung vom 09.11.1908 hieß es: „Trauerahorn, Eschen, Birken und Weiden dürfen nicht angepflanzt werden.“ Aber besonders die Breitwurzler haben sich in der Nachkriegszeit ausgesamt, „riechen“ förmlich die gut gedüngten Graberden und drücken die Steinfassungen von unten hoch.

Traurig macht vor allem, dass grundlegende Werte des menschlichen Zusammenlebens anscheinend bewusst beiseitegeschoben werden. Gerade die tiefe Trauer über den Verlust naher Menschen ist eines der Grundgefühle, und die hohen Werte der Totenruhe resultieren daraus. Deshalb ist es notwendig und sinnvoll, den negativen Tendenzen entgegen zu treten und allen klarzumachen, dass ein Friedhof kein freier Raum ist.

Was ist zu tun? Es ist vorstellbar und notwendig, dass sich endlich wieder eine Tendenz durchsetzt, auch die Friedhöfe bei uns als Kulturgut zu empfinden, zu erhalten und zu pflegen, die Friedhofsordnung als ethisches Minimum Wert zu schätzen und dafür zu sorgen, dass Traditionen beachtet und bewahrt werden.

Natürlich gehört zu einer weiterentwickelten Friedhofskultur auch die zukunftsorientierte Nachhaltigkeit. Vielfältige alternative Bestattungsformen sind bereits entwickelt worden, zum Beispiel Gärten der Erinnerung oder durch Gärtner betreute Areale der geschützten Marke „NaturRuh“. Auch für die würdevolle Bestattung von Angehörigen anderer Glaubensrichtungen sollten angemessene Möglichkeiten vorgesehen werden.

Auch die häufig aufwendig gestalteten Grabstätten an den Friedhofsmauern bedürfen einer besonderen Beachtung. Zum Glück interessieren sich bereits vereinzelt Familien für deren fachgerechte Erneuerung. Es wäre bestimmt sinnvoll, Formen der Hilfe, Beratung und Unterstützung zu finden. Möglichkeiten wie die „Dauergrabpflege“ gibt es schon seit langem. Wenn bestimmte Regeln beachtet und Verpflichtungen zur Bewahrung der Friedhofskultur eingegangen werden, steht zukünftig vermutlich auch einer Förderung nichts mehr im Wege. (d.b.m.)