Unwissenheit führt zu Unsicherheit

Rund 400 Menschen nahmen am Mittwochabend an der Informationsveranstaltung für die neue Gemeinschaftsunterkunft in der Schubertstraße teil.

Rund 400 Besucher nahmen am Mittwochabend an der Informationsveranstaltung auf der Bismarckhöhe teil., Fotos: wsw

Zuerst die Fakten:

Ab dem 17. Oktober sollen 144 Menschen (31 Familien) in das ehemalige Lehrlingswohnheim in der Schubertstraße ziehen. Die Menschen, darunter 83 Kinder, leben bereits seit zwei bis drei Jahren in Deutschland und kommen unter anderem aus Syrien, Afghanistan, Somalia und dem Kamerun. Unter den 83 Kindern sind 35 Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahren, 34 Kinder im Alter von 7 bis 12 Jahren und 14 Kinder im Alter von 13 bis 17 Jahren.

Werder (Havel), 11. Oktober 2018 – Dass es sich am Abend des 10. Oktobers um keine „normale“ Veranstaltung auf der Bismarckhöhe handelte, merkte man schon vorm Betreten der ersten Treppenstufe. Sicherheitsleute kontrollierten die Taschen der Ankommenden, Polizisten zeigten Präsenz. Der Landkreis – verantwortlich für die Unterbringung von Geflüchteten – hatte um 18 Uhr zu einer Informationsveranstaltung für die neue Gemeinschaftsunterkunft in der Schubertstraße geladen.
Dass die angekündigten Informationen für die Werderanerinnen und Werderaner von größtem Interesse waren, zeigte die starke Teilnahme: Rund 400 Menschen aus der Blütenstadt nahmen im großen Saal der Bismarckhöhe Platz und warteten auf Antworten. Lieferten sollten diese Landrat Wolfgang Blasig (SPD) und Bürgermeisterin Manuela Saß (CDU).

„Dies ist eine wichtige Veranstaltung für uns und für Sie. Viele Fragen sind in der Vergangenheit an uns herangetragen worden, die wir nicht beantworten konnten. Unwissenheit führt oft zu Unsicherheit und diese schürt wiederum Ängste. Unsere Aufgabe und die des Landkreises ist es, Sie zu informieren, in der Hoffnung, dass wir bestehende Ängste nehmen können. Wir hoffen ebenfalls, auf viele Fragen Antworten zu finden, und freuen uns auf eine sachliche Diskussion“, verkündete die Bürgermeisterin in ihrer Begrüßung.
Anschließend meldete sich der Landrat zu Wort: „Anfangs war unsere Kommunikation etwas holprig, dies führt zu Gerüchten und zu falschen Annahmen. Wir möchten heute jede Frage beantworten. Einleitend möchte ich sagen, dass die Aufnahme und die vorläufige Unterbringung von Geflüchteten Pflichtaufgaben des Landkreises sind.“

Die wichtigsten Fakten erläuterte die Sozialamtsleiterin des Landkreises Potsdam-Mittelmark, Nicole Böttcher, in einer Präsentation. Die Zahl der Flüchtlinge, die einem Landkreis zugewiesen werden, errechnet sich nach dem Königsteiner Schlüssel. So werden 8,5 Prozent der Menschen, die im Bundesland Brandenburg ankommen, dem Landkreis Potsdam-Mittelmark zugeteilt. Daraus ergibt sich eine Prognose von 1033 Personen. Aktuell wurden in diesem Jahr 257 Menschen aufgenommen, man rechne nicht damit, dass die errechnete Zahl erreicht werde, eine realistische Prognose seien 400 Personen. Bisher leben im Landkreis Potsdam-Mittelmark etwa 1.100 Flüchtlinge in Heimen sowie rund 300 Personen in eigenen Wohnungen unter anderem in Teltow, Brück und Stahnsdorf.

Die Menschen, die in die Gemeinschaftsunterkunft nach Werder (Havel) kommen sollen, wohnen zurzeit größtenteils in Brück. Sie müssen jedoch ihr Heim dort verlassen. In ihrer neuen Unterkunft in der Blütenstadt werden sie Mehrbettzimmer beziehen, bei der Verteilung der Zimmer soll auf den kulturellen Hintergrund Rücksicht genommen werden. Den Besuchern im Saal wurden Fotos der Wohnungen gezeigt, deren Einrichtung man lediglich als funktional beschreiben kann. Betten, Schränke, Tisch, Stühle und ein Bad. Mehr nicht. Die Selbstversorgung der Menschen wird in Gemeinschaftsküchen erfolgen. Neben der Heimleiterin werden auch zwei bis drei Sozialarbeiter im Gebäude vor Ort sein. Ein 24-Stunden-Wachschutz soll für Sicherheit sorgen. „Das Sicherheitskonzept wird aktuell noch bearbeitet“, erklärte Wolfgang Blasig.

Die Menschen, die die neue Unterkunft beziehen werden, leben seit zwei bis drei Jahren in Deutschland und haben den Sprachkurs, der 375 Stunden umfasst und vom Landkreis angeboten wird, bereits absolviert. Sie erhoffen sich von ihrem neuen Zuhause eine bessere Startposition am Arbeitsmarkt. Je ländlicher die Regionen sind, in denen die Menschen untergebracht werden, desto schwieriger gestaltet sich die Integration.

Ein besonders wichtiger Punkt ist die Unterbringung der 83 Kinder. Darunter befinden sich 35 Kinder im Alter zwischen 0 und sechs Jahren. „Erfahrungen haben gezeigt, dass die geflüchteten Familien ihre kleinen Kinder lieber in Eltern-Kind-Gruppen betreuen lassen möchten, als in Kindertagesstätten. Es werden demzufolge keine Kinder in städtische beziehungsweise private Einrichtungen kommen“, erklärte Wolfgang Blasig. Der starke Mangel an Betreuungsplätzen würde auch keine andere Alternative ermöglichen. „Wir können aber berichten, dass sich diese Kinder, auch wenn sie in Eltern-Kind-Gruppen in den Heimen betreut werden, nach dem Wechsel auf eine Regelschule schnell in den Klassenverband einfinden und weder Sprach- noch Anpassungsschwierigkeiten haben“, ergänzte der Landrat. Die Kinderbetreuung in den Unterkünften wird vom Sozialamt unterstützt, um den Bildungsauftrag gewährleisten zu können.
Für die Unterbringung der schulpflichtigen Kinder sind laut Landrat Plätze vorhanden. „Wir bekommen sie unter, mehr aber auch nicht. Wir stehen in enger Verbindung mit dem Schulamt und auch das weiß nicht, wann wie viele Kinder in welche Schulen kommen“, meldete sich die Direktorin der Karl Hagemeister Grundschule, Anja Lizba, in der anschließenden Diskussion zu Wort. Bis heute ist nicht bekannt, auf welche Schulen die 48 Kinder im schulpflichtigen Alter verteilt werden. Landrat Blasig erklärte: „Im Interesse der Kinder, Eltern und Schulen müssen wir uns vielleicht doch etwas mehr Zeit nehmen für die Einschulungen. Eventuell finden diese erst nach der nächsten unterrichtsfreien Zeit statt.“ Das wäre dann im neuen Jahr nach den Weihnachtsferien.

Es wurde in der anschließenden Diskussion, schnell klar, wo das eigentliche Problem liegt: Die Werderanerinnen und Werderaner vor Ort sind enttäuscht und verärgert über die missglückte (Nicht)-Kommunikation im Vorfeld. Dass auf der Jugendhöhe eine Gemeinschaftsunterkunft eröffnet werden soll, war bereits lange im Vorfeld klar. „Warum ist man in einer Demokratie nicht in der Lage, die Menschen, die unmittelbar betroffen sind, rechtzeitig zu informieren?“, meldete sich ein Anwohner der Schubertstraße zu Wort. „Eine Woche vor dem geplanten Einzugstermin ist nicht rechtzeitig. Wir haben verdammt nochmal das Recht, alles zu erfahren.“ Laut Wolfgang Blasig waren terminliche Schwierigkeiten der Grund, warum die Informationsveranstaltung nicht zu einem früheren Zeitpunkt stattgefunden hat: „Es ist suboptimal gelaufen. Ich nehme gerne einen Großteil der Schuld auf mich. Es ist uns einfach nicht gelungen, einen früheren Termin einvernehmlich zu finden.“
Auch wenn die Schuldfrage damit mehr oder weniger befriedigend geklärt ist, bleibt das Unverständnis bei den Anwohnern, wieso mit den Informationen, dass ab dem 17. Oktober 31 Familien in die Schubertstraße ziehen, so lange hinter dem Berg gehalten wurde. Manchen Sorgen, Unsicherheiten und Ängsten hätte so vielleicht im Vorfeld schon der Wind aus den Segeln genommen werden können.

Eine weitere Frage aus dem Publikum lautete: „Ursprünglich war das Wohnprojekt in der Schubertstraße für sozialschwache Menschen gedacht. Wann wurde von diesem Vorhaben abgewichen?“ Wolfgang Blasig machte daraufhin deutlich, dass es sich lediglich um 144 Menschen handelt, die in das Heim ziehen. Platz bietet es für 240. Sein modellhafter Wunsch ist, dass auch Werderanerinnen und Werderaner mit einem Wohnberechtigungsschein in Zukunft dort leben können.
Es meldeten sich auch Menschen aus dem Publikum zu Wort, die sich auf die neuen Nachbarn freuen: „Andere Kulturen sind auch immer eine Bereicherung. Wichtig ist, dass die Vereine bei ihrer Arbeit mit den neuen Menschen hier im Ort unterstützt werden. Die Leidtragenden sind sonst wie so oft die Kinder.“ Und weiter: „Ich freue mich auf die neuen Bewohner, sie sind willkommen in unserer Stadt. Jetzt sind die Stadt Werder (Havel) und der Landkreis am Zug, ihre Aufgaben zu erledigen. Die Kritik, die hier geäußert wurde, ist durchaus berechtig. Es darf keine politische Diskussion werden, sondern es muss eine menschliche Diskussion sein.“

Auch die zukünftige Heimleiterin war an dem Abend zu Gast gemeinsam mit einigen zukünftigen Bewohnern der Gemeinschaftsunterkunft, die kleine Geschenke vorbereitet hatten. Eine Frau aus der Ukraine richtete emotionale Worte an das Publikum: „Ich möchte allen Deutschen für ihre Hilfe danken. Wir leben hier und möchten uns integrieren. Wir möchten arbeiten und auch die hohen Steuern zahlen. Es ist schwer für beide Seiten. Wir haben eine andere Kultur und tragen andere Kleidung, doch wir sind alle Menschen. Alles Gute für Sie und Ihre Familien.“
Mit dem Zuzug der Flüchtlingsfamilien erhöht sich der Ausländeranteil in Werder (Havel) geringfügig. Zurzeit liegt er bei unter einem Prozent.

Dr. Saskia Ludwig (CDU, MdL), die ebenfalls an der Veranstaltung als Besucherin teilnahm, fand passende Worte zum Abschluss: „Die 31 Familien sind absolut verkraftbar für Werder. Aber wenn es Fragen gibt, auch kritische, ist das auch akzeptabel. Und die Ängste, ob sie berechtigt sind oder nicht, müssen in jedem Fall ernst genommen werden.“ (wsw)

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