Verständliche Formsprache – Jürgen Tenz stellt im Kunstgeschoss aus

Kurator Frank W. Weber übergibt dem Berliner Künstler Jürgen Tenz bei der Vernissage der derzeitigen Ausstellung das Manifest der Künstlergruppe „Fragmentalisten“, der er angehört. Fotos (6): wsw

Werder (Havel), 22. Mai 2018 –  Seit einigen Jahren vermeidet es Jürgen Tenz, seinem Œuvre neue Werke hinzuzufügen. “Er nutzt seinen eigenen Fundus und übermalt seine Bilder mit deckenden Farben”, wie Frank W. Weber in seiner Einführung zu der Ausstellung “Fragmente” im Kunstgeschoss sagte.
Zu sehen sind die Werke bis zum 1. Juli, geöffnet ist die Stadtgalerie immer donnerstags, samstags und sonntags von 13 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei.

Bei der gut besuchten Vernissage in der vergangenen Woche stellte Bürgermeisterin Manuela Saß fest, dass ihr bei “Fragmente” zuerst einfalle, dass das menschliche Auge und Gehirn in der Lage sind, fehlende Buchstaben in Sätzen einfach zu ersetzen und somit lesen zu können. In Zahlen geschriebene Gedichte können in Wörter gefasst werden. “Wer einmal den Sinn der Zahlen erfasst hat, kann diese Sätze lesen”. Ihr eigenes Interesse an dieser Ausstellung will sie an die zahlreichen Gäste der Vernissage übertragen: “Erzählen sie vielen Leuten von dieser Ausstellung im Kunstgeschoss. Das Kunstgeschoss lebt nicht von der Kunst, sondern von den Menschen, die diese Kunst hier genießen”.

Der Titel “Fragmente” könne in zweierlei Hinsicht verstanden werden, so Kunstgeschoss-Kurator Frank W. Weber. Zum einen zeige man hier einen Werksausschnitt von Jürgen Tenz, zum anderen sei es eben die Bezeichnung für den gegenwärtigen Arbeitsstiles des Künstlers, der als Berliner Urgestein gilt. Tenz, Jahrgang 1942, hat der der HdK, heute UdK Berlin, Gebrauchsgrafik studiert.

Die Ausstellung hat der Kurator in mehrere Teile gegliedert, die jedoch nicht konkret getrennt sind. So werden Tenz’ Arbeiten in der Hochdruckgrafik gezeigt, für die er in den 80er Jahren bekannt wurde. “Seine grafische Formsprache ist klar gegliedert. Immer wieder werden Figuren in den Bildfokus gesetzt, aber auch wieder verdrängt. Eine Formsprache, die wir alle verstehen und die den Gebrauchsgrafiker Jürgen Tenz verrät”, so Weber. Zwei Werke aus der Frühzeit sind zu sehen – Guachen von 1977. “Allein die Stift-  und Federzeichnungen aus dieser Zeit würden eine Ausstellung füllen”, kam Weber begeistert vom Atelierbesuch in Berlin zurück.  Diese zwei Arbeiten würden exemplarisch für den fundierten Handwerker Tenz stehen.
Als kraftvolle Kunst beschreibt Weber das malerische Werk. Aber auch hier spüre man die grafische Formsprache, unterstützt durch expressive Farben.
“Der Großstädter Tenz ist von seinem Umfeld geprägt, aber in seiner Arbeit sieht er sich nicht als Abbilder seiner Stadtlandschaft. Das Motiv ist ein Inspiration für seine Umsetzung”.

Die Fragmente sind schließlich ein weiterer Teil der Ausstellung. Wie kam der Künstler dazu, den Bildgehalt seiner Gemälde zu zerstören? “Ich fühle das. Die Bude war voll, irgendwann kam das Gefühl, alles zuviel, da muss was weg. Deshalb fragmentiert”, war die pragmatische, fast emotionslose Antwort von Jürgen Tenz.
Fragmentierung ist also nicht das Endstadium, sondern eine Zwischenstufe, stellt Weber fest und auch, dass diese Arbeitsweise gedankliche, ja philosophische Rückschlüsse zulasse. Er verwies auf Aristoteles: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. “Wer das Werk vorher kannte, kennt den Inhalt. Die Summe der Fragmente lässt das nur noch schwer erfassen”.
Was folgt nach der Fragmentierung? Zerstückeln der Bilder? Ist das Kunstinteresse in Deutschland ein ausschlaggebender Faktor, sein Werk zu fragmentieren? Weber selbst ist Mitbegründer der Fragmentalisten, die sich 2007 in Potsdam gründeten. Auch in dem Manifest, das er Jürgen Tenz bei der Gelegenheit übergibt, fehlen Buchstaben, dennoch ist es lesbar.

Die Fragmentalisten legten für sich fest, künstlerisch das nutzen, was ihnen tagtäglich außerhalb der Kunst vorgeführt wird. Weber denkt an die Weltpolitik, “die uns Fragmente in den Nachrichten hinwirft, deren Gesamtwert wir gar nicht mehr verstehen können und die im Endeffekt vielleicht in kriegerischen Auseinandersetzungen endet”, so seine düstere Prognose. Auch Twitter-Kurznachrichten, die eine eigene abkürzende Sprache entwickeln würden, seien für Außenstehende schwer verständlich. „Und wenn das dann noch ein Staatsoberhaupt einer Weltmacht nutzt, ist das mehr als gefährlich“. Außerdem erwähnt Weber “eine meinungsBILDende Zeitung, die ganz bewusst mit Fragmenten und übergroßen Schlagzeilen tönt – und eigentlich nichts verkündet”.

Fragmente also überall – und die Ausstellung im Kunstgeschoss bietet nicht nur den Kunstgenuss, sondern auch die Anregung, sich gedanklich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Jürgen Tenz antwortete im Verlauf des Abends geduldig auf alle Fragen der Gäste.

Am gleichen Abend wurde auch die neue Ausstellung in der unteren Etage des Schützenhauses eröffnet. In der “Galerie am Glas” zeigt die Kölner Fotografin Claudia Grünig fünfzehn Arbeiten aus ihrem 50 Werke umfassenden Zyklus “Alice im Wunderland”. Eine oberflächliche Betrachtung ist schier unmöglich – in den detailreichen, von der Künstlerin selbst inzenierten und in Ebenen montierten Fotos gibt es viel zu entdecken. Die Abenteuer von Alice im Wunderland waren eine reiche Inspirationsquelle für Grünig. Entstanden sind überaus phantasievolle Bilder, die anzuschauen unbedingt lohnt.  (wsw)