Werder ist eine ganz besondere Stadt

Anfang Mai wurde der Band „Eine ganz besondere Stadt. 700 Jahre Werder (Havel) im Rahmen der brandenburgischen Landesgeschichte“ auf der Bismarckhöhe vorgestellt

v.l.: Bürgermeisterin Manuela Saß, Hartmut Röhn, Klaus Neitmann und Wolfgang Radtke, Fotos: wsw

Werder (Havel), 14. Juni 2021 – Das 700. Stadtjubiläum von Werder (Havel) liegt nun schon vier Jahre zurück. Viele kleine und große Werderanerinnen und Werdenaner denken noch gerne an die Feierlichkeiten im Jubiläumsjahr 2017 zurück und freuen sich vielleicht auch insgeheim schon auf die rauschenden Feste zum 750. Geburtstag. 

Anlässlich des Stadtjubiläums fand im März 2017 eine Historikertagung statt, bei der renommierte Historiker und Archivare aus Berlin-Brandenburg Schlaglichter auf die Entwicklung Werders und seiner Bürgerschaft von der urkundlichen Ersterwähnung 1317 bis zum Untergang der DDR 1990 geworfen haben. In fünf Vorträgen ordneten sie die Vorgänge und Verhältnisse der Stadt in den Gang der brandenburgischen Landesgeschichte ein. 

Zunächst gab es den Plan, die Vorträge im Nachgang in einer kleinen Broschüre zu veröffentlichen, allerdings ist auf Wunsch und unter Mitwirkung der Beteiligten weit mehr daraus geworden: Jetzt liegt aus dem Lukas-Verlag der 309-seitige Band mit dem Titel „Eine ganz besondere Stadt. 700 Jahre Werder (Havel)“ vor. Am 3. Juni wurde er bei einer Pressekonferenz auf der Bismarckhöhe im Beisein von Herausgeber Klaus Neitmann sowie Wolfgang Radtke und Hartmut Röhn, die jeweils eines der Buchkapitel geschrieben haben, vorgestellt. Bürgermeisterin Manuela Saß ließ es sich nicht nehmen, die einleitenden Worte zu sprechen, in denen sie den Anwesenden nicht nur für ihre herausragende Arbeit dankte, sondern sich zudem sehr freute, endlich wieder Gastgeberin eines Pressetermins zu sein. „Den beteiligten Wissenschaftlern ging es bei der Befassung mit unserer Vergangenheit wie vielen Werderanern im Jubiläumsjahr und wie den Autoren unserer siebenbändigen Chronik: Sie haben Feuer für unsere Stadtgeschichte gefangen, dafür möchte ich Danke sagen“, so die Bürgermeisterin. „Die Stadt hat das Erscheinen des Bandes gern gefördert – nicht zuletzt in der Hoffnung, dass er dazu einlädt, weiter zu forschen, ob von engagierten Laien oder versierten Wissenschaftlern.“ Die Stadt Werder und die Brandenburgische Historische Kommission e.V. haben das Erscheinen finanziell unterstützt, die Autoren auf ein Honorar verzichtet.

Wie für die Blütenstadt üblich, herrscht bei diesem offiziellen Termin wieder einmal bestes Werder-Wetter. Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel, die schattenspendenden Sonnenschirme flattern sachte im Wind und von Weitem hörte man das emsige Treiben der nahegelegenen Kita. Für einen Moment verfliegt das Fernweh, das sich in den vergangenen Monaten immer mal wieder leise ins Gedächtnis rief. Auf den Biergartenstühlen sitzend und das wunderschöne Panorama des Havelstädtchens im Blick, wähnt man sich kurzzeitig im Paradies. 

Doch die Hauptakteure des Pressetermins waren natürlich Klaus Neitmann sowie Wolfgang Radtke und Hartmut Röhn. Klaus Neitmann selbst schrieb in dem Band neben Vorwort und Einleitung das Eingangskapitel über die Zeit zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert, in der sich Werder vom Lehniner Klosterstädtchen zum kurfürstlichen Amtsstädtchen entwickelte. Frank Göse betrachtete unter der Überschrift „Zwischen landesherrlicher Reglementierung und beschränkter Selbstverwaltung“ die Zeit zwischen dem Dreißigjährigen Krieg bis zur Preußischen Städtereform.

Die Frage, wie sich Werder „zu einer ganz besonderen Stadt“ entwickelte, beantwortet Wolfgang Radtke in seinem Kapitel über das 19. Jahrhundert. Der Historiker Hartmut Röhn widmete sich unter der Überschrift „Die ,Blütenstadt‘ wird braun“ dem Zeitabschnitt der Weimarer Republik und NS-Herr­schaft. Nicht zuletzt wandte sich der im vergangenen Jahr verstorbene Zeithistoriker Burghard Ciesla in dem Buch umfassend und vielschichtig der „Havelstadt Werder im Sozialismus“ zu. Dieser Zeitabschnitt umfasst etwa die Hälfte des Bandes. 

Was ist es also nun, das Werder (Havel) so besonders macht? Für Herausgeber Klaus Neitmann ist es der Obstbau, der den Ruf der Stadt weit über die Grenzen der Provinz Brandenburg hinaustrug. „Er bestimmte vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart Wohl und Wehe ihrer Bürgerschaft nicht ausschließlich, aber doch mehr als jeder andere Wirtschaftszweig und erhob letztlich durch die Art der Produktion und der Vermarktung Werder in den Rang einer ganz besonderen brandenburgischen Stadt.“

Der Vorteil des Havelstädtchens ist seit jeher seine Lage, da „Werder und seine liebliche Flusslandschaft ein einheitliches und einmaliges Ensemble bilden“. Doch das allein hat Werder natürlich nicht zum Aufschwung verholfen. Wolfgang Radtke erklärt es wie folgt: Das Ergebnis des „langen“ 19. Jahrhunderts bis 1914 kann für Werder knapp folgendermaßen beschrieben werden: Der Entwicklungsschub, den die Stadt erfuhr, beruhte zwar auf dem wirtschaftlichen Fortschritt der Zeit in Brandenburg und in Deutschland, aber „ohne die tüchtigen und wagemutigen Unternehmer – sowohl Handwerker als auch Kaufleute –, die alle eine wichtige Rolle in der städtischen Meinungsbildung und Administration innehatten, wäre Werder nicht zu einem ökonomischen Leuchtturm ganz eigener Art preußenweit herangewachsen, den es seit der Wende zum 20. Jahrhundert durchaus darstellte“. Und dieser Entwicklungsschub kann „wegen der Werderaner Eigendynamik als durchaus überproportional gelten. Denn obwohl die Stadt nicht im ganz engen Umland von Berlin lag, (…) war Werder durch seine klug ausgebauten ökonomischen Bindungen zur Hauptstadt als Lieferant von Obst und Gemüse, seiner exzellenten Verkehrsanbindung und der Tüchtigkeit der Einwohner prädestiniert, eine besondere Rolle im Rahmen der Provinz zu spielen.“

Die Tüchtigkeit hat bereits der Oberprediger Haensch im Jahre 1852 wie folgt beschrieben: „Ein Hauptcharakter der Einwohner ist unermüdliche Tätigkeit und Betriebsamkeit, sowie Genügsamkeit und Gewinnsucht. – Öde Berge sind in fruchtbare Höhen verwandelt, Wohnung und Kleidung ist den Verhältnissen angemessen. Die Sonntagskleidung wetteifert mit den Großstädtern.“ Na, wer erkennt sich wieder?

Der Band „Eine ganz besondere Stadt“ ist eine tolle Ergänzung zu der siebenhändigen Ortschronik, deren letzter Teil zu Beginn dieses Jahres erschienen ist. Als Herausgeber zeichneten Dr. Klaus-Peter Meißner, Dr. Baldur Martin und Dr. Klaus Froh verantwortlich. Letztere waren ebenfalls bei der Pressekonferenz auf der Bismarckhöhe zugegen. 

Werders Ehrenbürger Dr. Baldur Martin ergriff nach dem offiziellen Teil der Pressekonferenz noch einmal kurz das Wort, um auf die viele Arbeit, die in einer solchen Publikation steckt, hinzuweisen: „Historiker nehmen sich meist gerne zurück, wenn es um ihre Arbeit geht. Dabei stecken in den Recherchen, dem Zusammentragen und Interpretieren der Quellen sowie in dem Verfassen der Texte unglaublich viel Zeit und Mühe.“ (wsw, wh)

Klaus Neitmann (Hg): „Eine ganz besondere Stadt. 700 Jahre Werder (Havel) im Rahmen der brandenburgischen Landesgeschichte.“ Lukas Verlag Berlin 2020. 

Das Buch ist unter der ISBN-Nummer 978-3-86732-316-1 im Buchhandel erhältlich und kostet 25 Euro, als E-Book 20 Euro.