Werder ist Werder …

... ein kleines märkisches Inselstädtchen, umspült von den bald aufgeregten, bald spiegelglatten Wassern der seenartig verbreiterten Havel, umsäumt von einem Hügelkranz bewaldeter Höhen, über die zweimal im Jahr der Schnee fällt; im Winter das Geriesel Frau Holles; im Frühjahr der weiße, weiche Flaum zur Erde getragener Blütenträume. (märkischer Heimatführer 1935)

Aufgang zum Restaurant Bismarckhöhe, alle Bilder entstammen der Sammlung: „Historische Postkarten aus Werder“ von Erhard Schulz

Werder (Havel), 9. April 2019 – Es ist April und in Werder (Havel) liegt das 140. Baumblütenfest in der Luft. Viele denken dabei an die Festmeile mit ihren Attraktionen, an die Bühnen mit den unterschiedlichsten Unterhaltungsprogrammen, an die vielen Stände, die für das leibliche und auch geistige Wohl sorgen, und an den Panoramaweg „Havelobst“ mit seinen geöffneten Obstanlagen. 

Aber wie war es am Anfang? Ab dem Jahr 1875 fielen die ersten Blütengäste ein – natürlich die Berliner. Erst nur wenige, bald kamen immer mehr, waren es doch erschwingliche Ausflüge der Berliner Fabrikarbeiter und ihrer Familien. Hier konnten sie sich an der Natur und den ersten warmen Sonnenstrahlen erfreuen, bevor es wieder zurück in die „Mietskasernen“ nach Berlin ging. Sie wissen schon, wir sind det „JotWeDe“, unter Berlinern bekannt als „janz weit draußen“.

Die „gepriesenen“ Aussichtspunkte boten nicht gerade Bequemlichkeit. Es gab selbst zusammengezimmerte Bänke, zur Stärkung eine „Knoblender“ (Bockwurst) und ein Glas Bier. Wer die Aussicht über die Seenlandschaft und das Umland genießen wollte, musste sportlich sein. Durch die hohen Baumkronen war die Aussicht eingeschränkt und oft musste man auf diese Bänke steigen, um über den Kronenwald hinweg sehen zu können. Drei Jahre später wurde es dann offiziell und der Obstbauverein richtete das erste Baumblütenfest in Werder (Havel) aus. 

Die Höhepunkte der Baumblüte, die sich damals noch tatsächlich nach der Blüte der Obstbäume richteten, wurden in den Berliner Blättern bekannt gegeben. Die Naturfreunde wurden eingeladen, es wurde für die Entsendung von Extrazügen zu den „Blütensonntagen“ gesorgt und viele Obstzüchter stellten sich als freiwillige Führer zur Verfügung, um die Gäste vom Bahnhof aus zu den schönsten Punkten zu begleiten. Das Baumblütenfest wurde über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und ein voller Erfolg. Schon zum Blütensonntag des ersten Festes wurden zwei Extrazüge eingesetzt und Tausende von Besuchern begrüßt.

Für die Werderschen Obstzüchter war dieses Fest die erste Einnahmequelle im Jahr. Und auf den Mund gefallen, waren sie nicht. Sie animierten die Gäste, etwas Geld locker zu machen. Die Werderschen hat’s gefreut, wenn die Groschen klimperten.

Von Beginn des Baumblütenfestes an ging es immer recht „zünftig“ zu, ein bis zwei kräftige Schluck aus der „Obstweinpulle“ verschleierten schon sehr bald den Blick für die Schönheiten Werders und die angepriesenen Obstweinsorten hatten es alle in sich. Der hausgemachte Wein wurde im eigens gehäkelten Netz verkauft, so konnte man sich die Flasche umhängen und hatte die Hände frei.

Im Jahr 1893 zählte Werder am „Goldenen Sonntag“, dem Hauptsonntag, 10.000 Gäste, 1897 waren es 25.000, und 1900 kamen an diesem Tag um die 50.000 Besucher. Es entstanden vermehrt Schankstuben und Gaststätten, und der Obstbauer Gustav Altenkirch kam auf die Idee, Obstwein selbst herzustellen und zu verkaufen. Im Jahre 1890 errichtete er deshalb ein einfaches Schankzelt auf dem Galgenberg. Nach nur fünf Jahren war aus dem Zelt das Restaurant Galgenberg geworden und im Jahre 1897 gründeten in fröhlicher Stimmung acht Berliner Schriftsteller, Musiker, Maler, Schauspieler und Künstler den „Bund der Galgenbrüder“. Der wohl bekannteste unter ihnen war Christian Morgenstern (1871-1914).

Der Obstzüchter Friedrich Schmahlfeld aus der Eisenbahnstraße 125 baute Mitte der 1890er Jahre hinter seinem Wohnhaus am Kesselberg einen Aussichtsturm und schenkte anlässlich des Baumblütenfestes erstmals Obstwein und Obstsäfte aus eigener Produktion aus. Das Geschäft zur Baumblüte muss für Friedrich Schmahlfeld sehr gut gelaufen sein, denn er entschloss sich, bis zur nächsten Baumblüte eine richtige Gastwirtschaft (die bekannte Friedrichshöhe) auf dem Kesselberg zu errichten. Mit einer Höhe von 78 Meter über dem Meeresspiegel ist der Kesselberg der höchste Punkt Werders. 

Dampferstation und Aufstieg zur Friedrichshöhe

Heiß begehrt waren dort bei schönem Wetter die Terrassenplätze. Hier genoss man Kaffee, Kuchen, den Obstwein und den wunderschönen Blick über die blühenden Obstbäume in den Hausgärten bis hinüber zur Inselstadt.

Um den Besuch des Baumblütenfestes noch attraktiver zu gestalten, gehörten zu den Höhengaststätten auch bald eigene Dampferanlegestellen an der Havel. Hier stieg man aus und konnte schon mit der Verkostung des verlockenden Obstweines beginnen. Dann ging es weiter bergan und in Höhe der heutigen Eisenbahnstraße konnte man sich erneut stärken. Nun noch der letzte Rest des Weges und man hatte sein Ziel erreicht. Vielleicht nicht immer ganz nüchtern, aber das störte die Gastwirte nicht. So kam es bei Gustav Altenkirch vor, dass seine Angestellten die Einnahmen wäschekörbeweise zur Bank brachten. Außerdem ließen sich die Betreiber allerlei einfallen, um ihre Gäste zu unterhalten. So gab es auf der Bismarckhöhe eine unterirdische Kegelbahn, die Friedrichshöhe warb mit einer Riesenrutsche und die Tradition der Blütenkönigin wurde wieder belebt. Nach 1936 wurde erstmals 1989 wieder eine Baumblütenkönigin gekürt, die unsere Stadt in vielen Belangen 365 Tage lang repräsentiert. 

Zum 100. Baumblütenfest 1979 gab es einen traditionsträchtigen Festumzug, an dem sich viele Werderaner Betriebe, Vereine und Schulen mit ca. 5.000 Mitwirkenden beteiligten.

Seit 22 Jahren gibt es den jährlichen Festumzug zur offiziellen Eröffnung der Baumblüte. Daran beteiligen sich zahlreiche Werderaner Vereine, Schulen und interessierte Bürger, in ihrer Mitte die neugewählte Baumblütenkönigin und der Bürgermeister/die Bürgermeisterin unserer Stadt, die bis zur Hauptbühne begleitet werden. (Gilde der Stadtführer Werder (Havel) e.V.)