Werder wird noch zugkräftiger und begehrter werden

Werder (Havel), 17. September 2019 – Der Werderaner Ortschronist Dr. Baldur Martin hat uns seine Gedanken zur Zukunft unserer liebenswerten Havelstadt mitgeteilt:

Vorbemerkung: Zur Wendezeit veröffentlichte ich im „Generalanzeiger“ meine Meinung zur Entwicklung von Werder (Havel) in den folgenden 20-30 Jahren. Der Grundgedanke: Werder wird das für Berlin sein, was Bad Honnef für Bonn ist. Das brachte mir erhebliche Schelte ein. Werder sollte doch eine so schön verschlafene, kuschlige Kleinstadt bleiben. Jeder kann sehen, was daraus geworden ist. Und ich wage eine neue Vorausschau, basierend auf dem in fast 60 Jahren hier Erlebten.

Werder wird zügig dreidimensional in die Flächen, aber auch in die Höhe weiter wachsen.
Kommentar: Der Druck durch Zuziehende wird ebenso zunehmen wie das Bevölkerungswachstum innerhalb der Stadt

Wie bei allen Großstädten in der Westwindzone (London usw.) werden die Westlagen als höherwertige Wohnansiedlungen besonders bevorzugt. Diese herausgehobene Zugkraft wird Werder auch weiterhin gut zu Gesicht stehen.
Im Stadtkern ist die drei- bis vierstöckige Bebauung in Folge des 1. Weltkrieges zum Stillstand gekommen. Es ist wahrscheinlich, dass sie zumindest bis zu den Abzweigen Kugel-, Elsebruch-, Altenkirchweg und Damaschkestraße durchgängig wieder aufgenommen wird. Denn seit damals wird über Wohnungsnot und die fehlende städtische Ausprägung lamentiert.
Noch gibt es innerstädtisch freies, bereits teilerschlossenes Land, z. B. zwischen Elsebruchweg und Brandenburger Straße und auch anderswo. Der ursprüngliche Beschluss gegen das Bauen in zweiter Reihe ist ja längst ausgehöhlt.
Auch eine Anschlussbebauung in Richtung der Ortsteile Phöben, Plötzin, Glindow und Petzow wird möglich werden. So hatte das Land Brandenburg bereits nach der Wende am Petzower Mirenberg Flächen reserviert.

Werder bleibt durch die hervorragende Erziehungs- und Bildungsvielfalt und die herausragende Ehrfurcht vor dem Alter attraktiv für junge Familien ebenso wie für die alteingesessenen Sippen.
Kommentar: Die Weichen wurden in der Wendezeit gestellt, als die Stadtverordneten entschieden, die kommunalen Kindereinrichtungen zu modernisieren und neue einzurichten, ein städtisches Gymnasium zu bauen, eine Freie Schule zu unterstützen und die Betreuung der Alten mit Hilfe von sozialen und privaten Diensten auszuweiten.

Vom Land geforderte Abwicklungen, wie z.B. in Glindow, haben sich längst als Unsinn herausgestellt. Mit Hilfe freier Träger wird neu gebaut werden. Eine umfassende Betreuungsvielfalt wird das Ganze ergänzen.
Inzwischen hat es sich nicht nur in Berlin herumgesprochen: man muss sich in Werder Wohnraum suchen, des weiteren lautstark Druck machen und dann sorgt die aufgeschreckte Verwaltung möglichst zeitnah für Kita-Plätze und alles Übrige. So wird Werder, wenn auch unter Schmerzen geboren, garantiert jung bleiben.
Die schöne, lang überlieferte Tradition, in der Mehrgenerationen-Familie den Alten beizustehen, wird wieder aufleben und das enge Zusammenrücken zwischen Jung und Alt wird auf moderne Weise zum guten Ruf Werders beitragen.

Der zu erwartende Bevölkerungsaustausch (Gentrifizierung) wird durch Zugangsstopps in Grenzen gehalten werden müssen.
Kommentar: Der Druck von solventen Zuzüglern auf die Bevölkerung wird auf Grund steigender Grundstücks- und Immobilienpreise erstaunlich schnell zunehmen. Die Einheimischen werden angeregt, ihre Wohnungen aufzugeben oder verdrängt in entferntere Nachbardörfer.

In den neu entstehenden Stadtvierteln werden Tendenzen zur „Ghettobildung“ schon jetzt sichtbar: Durch die Beschäftigung außerhalb gehen die direkten Kontakte zur Kernstadt teilweise verloren. Nur noch ab und an zeigt sich das Bedürfnis, etwas beisteuern zu müssen. Verbunden mit gut gemeintem missionarischen Auftreten und ohne wirklichen Bezug zur realen Lage wird das aber wenig erfolgreich sein und nicht besonders gut angenommen. Den Werderschen ist es im Laufe von Jahrhunderten gelungen, auf so etwas nicht zu reagieren und auch weiterhin stur zu bleiben. Sie werden geduldig warten, bis die Verschmelzung, meist zuerst durch den gemeinsamen Schulbesuch und später durch Einheirat, erfolgreich gelungen ist. Und sie werden auch in Zukunft alle Versuche überstehen, sie „von den Bäumen zu holen, um ihnen das Essen mit Messer und Gabel“ beizubringen.

Auch bei einem fortschreitenden Wachstum der Stadt wird das ausgeprägte Gemeinschaftsgefühl nicht nur erhalten bleiben, sondern sich noch weiter vertiefen.
Kommentar: Die Werderschen waren schon von alters her immer offen für die Aufnahme von Fremden. Teils aus der Not geboren, wie bei den Einzöglingen nach dem Dreißigjährigen Krieg oder in Kriegszeiten in Bezug auf die Franzosen bzw. Russen; teils unfreiwillig, wie beim Ansturm der Berliner auf die freien Ländereien in den zwanziger Jahren, aber auch aus Hilfsbereitschaft für die Hugenotten oder die Umsiedler nach 1945. Auch die Einsicht in die Notwendigkeit, z.B. nach der Anwerbung von Arbeitskräften aus den chemieverseuchten Bezirken in der DDR, ging in diese Richtung.

Wie selbstverständlich und ohne großes Tamtam wird diese großartige Aufnahmebereitschaft fortbestehen.
Mit Hilfsbereitschaft und gegenseitigem Verständnis wird sich auch zukünftig das „Wir“- Gefühl in der starken kleinstädtischen Gemeinschaft durchsetzen. Der Geborgenheitscharakter und der Wohlfühlfaktor werden noch stärker sichtbar sein.

Es werden sich viele Unterstützer dafür finden, die blühende Gartenstadt als Teil der Potsdamer Kulturlandschaft zu erhalten. Sie werden weiterhin das Landschaftsbild als wohltuend und begeisternd für die Sinne und für eine intakte Natur begreifen.
Kommentar: Die Festlegung als Landschaftsschutzgebiet hat schon sehr geholfen Negatives zu verhindern. Der Begriff „Blütenstadt“ hat inzwischen Kult- und Image- Status für ein Wohnen in und mit der Natur und ist mit ein Garant für die hohe Lebensqualität in unserer Stadt.

In Zukunft werden wieder zusammenhängend größere Obstflächen zur Innenstadt gehören. Die Stadt wird das fördern, indem sie als Alternative zur Wohnbebauung freie Flächen erwirbt und diese langfristig an Obstbauer zur Bewirtschaftung, ähnlich der Weinberge, verpachtet.
Großräumige Grundstücke über 700 m² werden, wie schon in den 20er und 30er Jahren festgeschrieben, die Standards für eine Einzelbebauung sein. Das wird Raum geben für vielfältig gestaltetes Grün in Natur-, Stil- oder Formgärten und der Förderung der klimaangepassten heimischen Artenvielfalt dienen (Biodiversität unter Bevorzugung autochthoner Pflanzen). Zusammengefasst heißt das Pflege und Erhaltung des sich über Jahrhunderte herausgebildeten wunderbaren Zusammenlebens im Einklang von Mensch und Natur. Den grünen Schatz wird sich auch jeder Zuziehende zu Eigen machen müssen, wenn er Akzeptanz finden möchte.
Ganz im Gegensatz dazu stehen die an Stelle des Grüns leider in Mode kommenden Schottergärten, auch „Gärten des Grauens“. Sie werden in unserer Blütenstadt als geächtet keine Zukunft haben, da sie die Tier- und Pflanzen- Vielfalt sowie das lebensvolle grüne Stadtbild und damit das Lebensgefühl der Menschen zerstören. Die Stadt wird sich mit allen Mitteln schon gegen die Ansätze wehren müssen.
Allerdings werden sich auch die Ängste der Baumliebhaber, die meist aus äußerst fruchtbaren, aber baumlosen Tiefebenen oder aus den zubetonierten Großstädten kommen, und sich um jeden Baum sorgen (besonders wenn er beim Nachbarn steht) mit der Zeit als unbegründet herausstellen. Spätestens dann, wenn sie von den Weinbergen über unsere beeindruckende Havellandschaft voller Bäume geschaut haben.
Schon bei einer Lehre in der Baumschule wird einem beigebracht, den Bäumen voller Ehrfurcht und Würde zu begegnen. Auch wenn sie eigentlich die größten Egoisten unter den Pflanzen sind. Doch auch sie erreichen, wie die Menschen, je nach Art nur ein bestimmtes Alter. Wenn es eine mehrhundertjährige Linde oder Weide gegeben hätte, wäre sie schon längst den Verehrern auf den Kopf gefallen.

Der Erholungstourismus wird die Wirtschaftskraft in steigendem Maße mitbestimmen.
Kommentar: Für den idealen Tagestourismus ist Werder von der Anlage her nicht geschaffen. Bedingt durch die Nähe der wachsenden Großstädte in der Nachbarschaft wird dieser aber nicht fernzuhalten sein. Er muss nicht beworben werden, aber die Stadt wird sich noch mehr darauf vorbereiten müssen.

Auch ein verändertes Fest der Baumblüte wird dazu gehören. Den Kern einer Kleinstadt als Ambiente für immer mehr unbeschränkten Alkoholkonsum zu nutzen, wird auf die Dauer auf immer weniger Zustimmung stoßen. Auf ihren Plantagen machen die Obstbauer schon reformorientierte Angebote. Neben den Obstgärten in der Stadt wird das die zukünftige Ausrichtung sein. Sechs Wochen Blütenfeier zum Erholen und Genießen, wie Gustav Altenkirch es vorgemacht hat, wird zur Grundlage dieses Programms werden.
Insbesondere aber der mehrtägige oder mehrwöchige Tourismus ist dabei, sich in Werder zu etablieren. Er ist noch ausbaufähig. Deshalb wird die Verwaltung mit hoher Kompetenz koordinieren, noch mehr Angebote machen und gezielt die private Vermarktung organisieren. Denn vor allem das privatwirtschaftliche Interesse wird wachsen und will harmonisiert werden.

Die Gewerbefreundlichkeit wird als eines der Wahrzeichen vorbildlich bleiben.
Kommentar: Von alters her gehört es in Werder zu den erlernten Regeln, möglichst auf eigenen Füßen zu stehen. So entstanden in Abständen wechselnde Gewerbe, von denen man aber zeitweise gut leben konnte. Brachten sie nichts mehr ein, wie z. B. die Lehmziegel, traten schon bald andere an ihre Stelle.

Durch noch günstiger gestaltete Rahmenbedingungen, wie die Freihaltung von Gewerbeflächen oder Raumvermietungen durch die Kommune, lassen sich die Traditionen fortsetzen. Werder wird sich zukünftig dadurch auszeichnen, dass die arbeitswillige Bevölkerung immer Arbeit finden wird. Ein Schwerpunkt wird die Ansiedlung moderner arbeitsintensiver Technologien sein.
Auch die Tendenzen, in Werder zu wohnen und im Ballungsraum das Einkommen zu erwerben, werden noch deutlicher zunehmen. Jedoch wird unsere Stadt begehrte Wohnstadt bleiben und nicht zur „Schlafstadt“ negativ mutieren.

Die einwohnerfreundliche Verkehrsgestaltung wird der Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt sein.
Kommentar: Werder ist verkehrstechnisch bereits außergewöhnlich gut angebunden. Welche Stadt in dieser Größe hat schon fünf Autobahnanschlüsse im Halbkreis in etwa zehn bis fünfzehn Kilometer Entfernung. Und bis zum Berliner Hauptbahnhof sind es auch nur ca. 35 Minuten, zwei internationale Flughäfen liegen im engeren Einzugsbereich.

Von besonderer Bedeutung wird zukünftig deshalb der öffentliche Innenstadt- Verkehr und der Ausbau der Nahverbindungen ins Umland sein. Ein durchgängiger 15- Minuten- Takt bei Bus und Bahn tagsüber, wird dem wachsenden Bedarf entsprechend, installiert werden müssen. Natürlich mit kreislicher Unterstützung, wie in anderen Teilen des Kreises auch.
Die E- Mobilität, besonders mit Kleinfahrzeugen, wird viel leiser das Stadtbild prägen. Auf wenigstens einen PKW wird aber keine Familie verzichten wollen. Aus Platzgründen werden gut eingepasste Zweideck- Parkplätze zum Muss gehören.
Die dringend geforderte Bahnquerung wird endlich vorhanden sein, nachdem sie seit der Wende vor jeder Landtagswahl angekündigt worden war. Dies ist deshalb den Werderschen so gegenwärtig, weil die Bahn nach der Wende sogleich bauen wollte, wenn die Stadt 10 Mio. DM zugäbe. Die Stadt hatte sich jedoch vorher für das Gymnasium entschieden und hoch verschuldet. Sie sah sich auch nicht in der Pflicht.
Eine ausgezeichnete Fuß- und Fahrradmobilität wird selbstverständlich werden. Zwei Fahrradstraßen, eine längs (z.B. Schwalbenbergweg/Elsebruchweg) und eine im Ost-West- Richtung (z.B. Gartenstr./Marienstr./Margaretenstr.) über den Höhenzug werden ein zügiges Vorwärtskommen ermöglichen.

Fazit: Insgesamt werden es die hier Wohnenden wie ehedem machen, sie werden die unglaublich schöne und abwechslungsreiche Landschaft nicht nur genießen, sondern auch schonen und erhalten, sie werden in und mit der Natur leben, nachbarschaftlich Rücksicht nehmen und hoffentlich versuchen, gut miteinander auszukommen. (d.b.m.)