Wir heben ab – Die Kirche muss im Dorf bleiben

LEADER-Fördermittel für Kirchensanierung beantragt

Heinz Grützmacher ist Vorsitzender des Förderkreises Lilienthal Kirche Derwitz, Fotos: wsw

Werder (Havel) OT Derwitz, 28. Dezember 2018 – Die bauliche Mängelliste der Derwitzer Dorfkirche ist lang. Doch anstatt das Kirchengebäude, das um 1500 errichtet wurde, seinem Schicksal zu überlassen, haben sich vier Partner mit einem gemeinsamen Ziel zusammengetan: Die Kirche muss im Dorf bleiben!
Die Evangelische Christophorus Kirchengemeinde Groß Kreutz, der Ortsbeirat Derwitz als Teil der Stadt Werder, der Feuerwehr- und Freizeitverein Derwitz e.V. sowie der extra gegründete Förderkreis Lilienthalkirche Derwitz unterstützen aktiv das Ziel, die Kirche Derwitz zur Lilienthalkirche zu entwickeln.

Wir haben den Ur-Derwitzer Heinz Grützmacher getroffen, um mit dem Mit-Vorsitzenden des Fördervereins über die aktuellen Pläne und Ziele in Hinblick auf die Lilienthal-Kirche zu sprechen. “Unsere Gemeinde zeichnet sich durch einen starken Zusammenhalt aus und so war uns mit Blick auf unsere marode Kirche schnell klar: Da müssen wir was machen”,erzählt Heinz Grützmacher einleitend. “Im Januar dieses Jahres haben wir aus diesem Grund den Förderkreis gegründet. Da die Mitglieder aus unserem Heimatverein leider aufgrund des hohen Alters immer weniger geworden sind, wollten wir uns völlig neu aufstellen. Unser Förderkreis ist eine relativ lockere Vereinigung, bestehend aus 30 Mitgliedern, die sich alle sechs Wochen trifft.” Das Ziel der 30 Mitglieder, deren harter Kern aus zehn aktiven Personen besteht, ist die Sanierung und somit die Erhaltung der Dorfkirche und – sobald dies zukunftsweisend realisiert wurde – das Füllen des Gotteshauses mit kulturellen Angeboten, auch in Zusammenarbeit mit dem Gedenkhaus Lilienthal, das 1991 in unmittelbarer Näher zur Kirche entstanden ist.

Das Dach bereitet die größten Sorgen

“Im Jahr 1976 fand bereits eine Sanierung der Kirche statt, die allerdings fehlerhaft war. Uns bereitet vor allem das Dach große Sorgen. Es gibt Mängel, die müssen einfach schnellstmöglich behoben werden. Und das kostet natürlich viel Geld. Doch der erste Schritt in die richtige Richtung wurde gemacht”, freut sich der Ur-Derwitzer. “Die Kirchengemeinde hat einen Antrag gestellt, um LEADER-Fördermittel in Höhe von 250.000 Euro beantragen zu können. Und dieser Antrag wurde angenommen! Seit Oktober wird der Antrag nun geprüft. Wie lange das dauert, ist jedoch nicht abzusehen.”
Über eine kleine Finanzspritze konnte sich der junge Förderkreis bereits freuen. “Der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg schreibt seit 2002 ein ‘Startkapital für neu gegründete Kirchen-Fördervereine’ aus. Dafür haben wir im April 2018 einen Antrag gestellt und im September erreichte uns der Scheck in Höhe von 2500 Euro”, berichtet Heinz Grützmacher. “Dies hat uns bestätigt, dass wir mit unserem Förderkreis auf dem richtigen Weg sind.”

Der Check in Höhe von 2.500 Euro hängt gut sichtbar am Eingangstor

Im Mai dieses Jahres fand in der Derwitzer Dorfkirche eine große Geburtstagsfeier anlässlich des Geburtstages von Otto Lilienthal statt. Über 300 Besucher, darunter auch zahlreiche Nicht-Derwitzer, nahmen an den Feierlichkeiten statt und freuten sich über das bunte Programm. In diesem Rahmen überreichte der Förderkreis der Gemeinde auch ein tolles Geburtstagsgeschenk: Die alte Telefonzelle im Ortskern wurde als “Derwitzer Leseratten Treff” zu neuem Leben erweckt. “Meine Tochter hat den Entwurf gezeichnet und ein erfahrener Paint-Brusher hat die Telefonzelle dann nach ihrer Vorlage gestaltet. Diese Buch-Tauschbörse sieht nicht nur toll aus, sondern wird auch super angenommen”, erzählt Heinz Grützmacher nicht ohne Stolz. Ebenfalls an der Geburtstagsfeier beteiligt war Niclas Freese, der Enkel von Heinz Grützmacher. Gemeinsam mit seiner Band “Village 19” sorgte er für rockige Stimmung. Die Geburtstagsfeier zeigte deutlich, wie sehr sich die Derwitzer und auch die Menschen aus der Umgebung solch einen Anziehungspunkt für kulturelle Veranstaltungen aller Art wünschen.

Sollten die LEADER-Fördermittel bewilligt werden, sollen in einem ersten Bauabschnitt das Dach und das Kirchenschiff saniert werden. Weitere Schönheitsreparaturen und Sanierungsmaßnahmen sind für später geplant. Der Ortsbeirat will zudem finanzielle Mittel bei der Stadt Werder (Havel) und der Bürgerschaft einwerben.

Die Derwitzer Dorfkirche ist – abgesehen von den baulichen Mängeln – ein optisches Schmuckstück. Der reichlich gegliederte spätgotische Blendengiebel aus Backstein ist ein beliebtes Fotomotiv. Im Inneren verbirgt sich unter anderem eine Glocke aus dem Jahr 1476 und eine Brüstungsorgel mit acht Registern von Carl Eduard Gesell (heute Schuke). Doch das eigentliche Highlight und damit das Alleinstellungsmerkmal der Derwitzer Dorfkirche verbirgt sich auf dem Dachboden: Insgesamt 17 Totenkronen und -bretter wurden hier gefunden. Ursprünglich hingen solche Kronen und Bretter im 18./19. Jahrhundert im Inneren der Kirchen. Sie kamen als Schmuckgegenstand bei der Bestattung von Säuglingen und Kindern oder jung verstorbenen Ledigen zum Einsatz. Vielerorts wurden sie jedoch im Laufe der Zeit entfernt und vernichtet. Der Fund von 17 Totenkronen in Derwitz war eine enorme Überraschung. Dr. phil. Sylvia Müller-Pfeifruck, eine Wissenschaftlerin aus Berlin, hat sich die mühevolle Arbeit gemacht und die 17 Kronen bzw. Bretter katalogisiert und im Kirchenarchiv in Brandenburg nachgeforscht, für wen die Schmuckgegenstände gedacht waren. 16 konnte sie in den Kirchenbüchern ausfindig machen. Bei der Veranstaltung “Feuer und Flamme für unsere Museen” wurden in der zukünftigen Lilienthalkirche einige Totenkronen ausgestellt. Vier stammten aus dem eigenen Bestand, andere rekonstruierte kamen von außerhalb. “Wir müssen irgendwie eine Möglichkeit finden, diese 17 Zeitzeugen der Geschichte auszustellen. Sie vertragen allerdings kein Licht und sind auch sonst recht empfindlich. Die Rekonstruktion der Totenkronen würde 50.000 Euro kosten”, erklärt Heinz Grützmacher bei unserem Besuch auf dem Dachboden der Kirche. “Der Dachstuhl ist übrigens original – eine einmalige Konstruktion!”

“Mit dem Lilienthal-Gedenkhaus in unmittelbarer Nähe zum ‘ersten Flugplatz der Welt’ wollen wir die Lilienthalkirche auch für den Tourismus attraktiv machen. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, sich mit Ideen, Kreativität und mit Spenden in unserem Förderkreis zu engagieren”, appelliert der ehemalige Lehrer für Mathe und Physik. (wsw)