“Wir sind eine Einrichtung ohne Anspruchsvoraussetzung.”

Das Aus für die Tee- und Wärmestube in Werders Zentrum wurde noch rechtzeitig abgewendet. Nachdem der ehemalige Träger, die Ernst von Bergmann Sozial gGmbH, sein Engagement zum Jahresende 2020 einstellte, hat die Tee- und Wärmestube einen neuen Träger gefunden. Nun sind Stadt und Landkreis gefragt, um den Fortbestand der wichtigen Institution zu sichern.

Martina Müller ist nicht nur die Leiterin der Werderaner Tee- und Wärmestube, sondern auch die gute Seele der Einrichtung. Foto: wsw

Werder (Havel), 25. Januar 2021 – Wir haben Martina Müller zum Gespräch getroffen. Sie ist seit 20 Jahren die Leiterin der Werderaner Tee- und Wärmestube und seit Anfang an dabei.

Frau Müller, die EvB Sozial gGmbH kündigte ihr Engagement offiziell wegen zu geringer finanzieller Förderungsmittel seitens der Stadt Werder (Havel). Mit der Potsdamer Tafel war ein neuer Träger zum Glück schnell gefunden. Wie sieht die Zusammenarbeit aus und welche Aufgaben übernimmt die Tafel?
Zuallererst möchte ich mich bei der Ernst von Bergmann Sozial gGmbH für die jahrelange gute Zusammenarbeit bedanken und das Bemühen, stets das Beste zu erreichen. Mit dem neuen Träger, der Potsdamer Tafel, verbindet uns bereits seit 2001 eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Besonders Frau Imke Eisenblätter, die Geschäftsleiterin der Potsdamer Tafel, hat uns immer unterstützt. Damals wurden wir noch von der Tafel direkt beliefert, bis uns ein Auto zur Verfügung gestellt wurde und wir selbst die Lebensmittel abholen konnten. Was die Essensausgabe angeht, hat sich für unsere Klienten Gott sei Dank nicht viel geändert. Wir fahren von Montag bis Freitag die Läden hier in Werder und Umgebung ab, darunter sind Lidl, Netto, Aldi, Rewe, Edeka, Zillmann und denns Bioladen.

Die Ausgabe der Lebensmittel erfolgt immer Dienstag und Freitag. Früh um halb neun tragen sich die Klienten in eine Liste ein und ab 13 Uhr können sie sich die Lebensmittel dann bei uns abholen. Ab Februar gibt es dann bei und ein neues Kartensystem, da passen wir uns der Potsdamer Tafel an. Es wird dann andere Preise als zuvor geben, aber das besprechen wir persönlich mit den Klienten.

Doch unsere Tee-und Wärmestube ist ja so viel mehr als reine Essensausgabe. Wenn sich die Coronalage wieder etwas entspannt, möchten wir auch wieder ein geselliger Treffpunkt für unsere Klienten werden. Für viele Klienten sind gerade die Ausgabetage kleine Höhepunkte im Alltag. Hier können sie mit anderen ins Gespräch kommen, sich austauschen und soziale Kontakte pflegen. Ich hoffe, dass dies auch bald wieder regelmäßig stattfinden kann.

Die Stadt hatte in der letzten Stadtverordnetenversammlung in 2020 angekündigt, gemeinsam mit Ihnen ins Gespräch zu gehen und zu überlegen, welche niedrigschwelligen Leistungen die Tee- und Wärmestube weiterhin anbieten kann. Gibt es hier schon Ergebnisse, Ausblicke?
Konkrete Ergebnisse gibt es noch nicht. Die Stadt hält weiterhin daran fest, dass wir zukünftig Beratungen, in welcher Form auch immer, anbieten können. Es steht aber noch nicht fest, wie das genau funktionieren soll. Ich weiß bisher nur, dass die Stadt Werder (Havel) sich Ende Januar mit dem Landkreis zusammensetzen möchte. Ich habe bereits mit den Verantwortlichen der Stadt gesprochen und meine Wünsche und Vorstellungen mitgeteilt. Gespräche mit unseren Klienten zeigen, dass der Bedarf nach allgemeinen Beratungen nach wie vor sehr sehr groß ist.

Die Arbeit, die wir die ganzen letzten Jahre hier gemacht haben, ist ja eine tolle Vorlage für die Zukunft der Tee- und Wärmestube. Es gibt hier bereits ein stabiles Fundament. Für mich ist das wichtigste, dass die Einrichtung niedrigschwellig bleibt für unsere Klienten. Sonst habe ich die Befürchtung, dass sich die Klienten irgendwann nicht mehr reintrauen. Kurios ist, dass keiner so genau sagen kann, was niedrigschwellig bedeutet, nicht einmal die Politiker. Unsere Klienten sollen weiterhin das Gefühl haben, hier gut aufgehoben zu sein. Sie sind mit all ihren Problemen willkommen und müssen sich für nichts schämen.

Wir sind eine Einrichtung ohne Anspruchsvoraussetzung. Und das sollte auch so bleiben. Unsere Klienten sollen ohne Angst um Hilfe jeglicher Art bitten können. Ich war immer bemüht, den Druck von unseren Klienten zu nehmen, auch wenn man natürlich irgendwann auch aktiv werden muss und die Probleme direkt angehen sollte. Sonst wird es nur noch schlimmer.

Gibt es irgendetwas, was die Tee- und Wärmestube zur Zeit gebrauchen kann?
Wir benötigen ganz dringend ein Auto für die Abholung der Lebensmittel, einen Kastenwagen vielleicht, oder etwas ähnliches. Unser altes Auto wurde uns ja leider wieder abgenommen, sodass wir nun ohne PKW dastehen. Zur Zeit nutzen wir ein privates Auto, aber das ist auf Dauer ja keine endgültige Lösung. Zudem bräuchten wir noch eine Mikrowelle und eine Waschmaschine. Es wurde ja alles mitgenommen zum Jahresende. Kleidung brauchen wir derzeit in Maßen, wir haben ja keine Kapazitäten der Lagerung. Wenn Ostern näher rückt, freuen wir uns auch immer über Spielzeugspenden für unsere kleinsten Klienten. Neben den Sachspenden sind es natürlich vor allem auch die Geldspenden, die für uns wichtig sind.

Doch wir müssen erstmal die Umstrukturierungen abwarten, um ganz genau sagen zu können, was wir benötigen. Wer möchte, kann mich auch gerne anrufen und nachfragen, was wir zum aktuellen Zeitpunkt brauchen. Meine Telefonnummer ist die 01603516249.

Hier möchte ich mich auch nochmals herzlich bei der Stadt Werder (Havel) und ihren Stadtvätern bedanken, die stets ein offenes Ohr für unsere Belange haben!

Sie haben die kommissarische Leitung der Tee- und Wärmestube übernommen, obwohl sie eigentlich zum Ende des letzten Jahres in den wohlverdienten Ruhestand gehen wollten. Wieso haben Sie sich dazu entschlossen und gibt es bereits einen möglichen Nachfolger?
Einen Nachfolger gibt es noch nicht, da ergibt sich vielleicht etwas aus der Ausschreibung. Ich gehe erst, wenn wirklich jemand da ist, dem ich die Tee- und Wärmestube vertrauensvoll übergeben kann.

Ich hoffe der Landkreis entschließt sich, unsere Beratungsstelle zu finanzieren. Zunächst würde ich die Beratungen weiterhin übernehmen, aber zukünftig soll diese Aufgabe von jemand anderem übernommen werden.

Die Tee- und Wärmestube ist eine Einrichtung, die hochqualifizierte Arbeit leistet. Träger sind unglaublich wichtig, aber sie haben meist genaue Vorstellungen. Unsere höchste Priorität ist das Zuhören. Unsere Klienten sollen wissen, dass hier jemand ist, der ihnen zuhört. Hilfe zur Selbsthilfe sage ich immer! Ich kenne viele andere Einrichtungen, aber mit unserer Tee- und Wärmestube kann die Stadt echt punkten. Die Stadt möchte, dass wir mit dem Begegnungszentrum zusammenarbeiten, aber das ist eine andere Klientel und würde auf Dauer nicht gut funktionieren.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Tee- und Wärmestube?
Ich wünsche mir, dass die Tee- und Wärmestube noch lange bleibt für die Klienten der Stadt Werder und der Umgebung. Uns hat immer ausgemacht, dass wir niemanden wegschicken und dass unsere Türen für alle geöffnet sind. Die Tee- und Wärmestube gehört zur Stadt Werder und muss hier auch bleiben. Sie ist anerkannt im Ort und das sollte man nicht leichtfertig wegschmeißen. Sicherlich kann man immer Abläufe optimieren, oder die Angebote ausbauen, aber im Kern muss unser Konzept so bleiben, wie bisher.

Und auch wenn Geld immer und überall eine große Rolle spielt – schließlich muss ja alles irgendwie finanziert werden – sollte das Geld nie im Vordergrund stehen, sondern immer zweitrangig bleiben.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie irgendwann wirklich im Ruhestand sind?
Ich möchte mich gerne mehr um meine eigene Familie kümmern, und ich werde viel bei meinem Enkelkind in der Schweiz sein. Das wünsche ich mir sehr! (wsw)