Zu Besuch im Glindower Kietz

Rosemarie Jordan und Udo Müller waren viele Jahre die Betreiber des Zweirad- und Technikmuseums in den Havelauen

Rosemarie Jordan und Udo Müller, Fotos: wsw

Werder (Havel) OT Glindow, 12. Oktober 2021 – Es ist ein Septembermorgen wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne scheint und der Duft des Sommers macht langsam Platz für die frischen, kühlen Herbstgerüche. Wir sind im Glindower Kietz bei Rosemarie Jordan und Udo Müller eingeladen. Viele Werderaner kennen die beiden bestimmt aus dem Zweiradmuseum, das von 1998 bis 2012 in der Mielestraße zu finden war.

Wir werden sehr herzlich von den beiden in Empfang genommen und von Rosi in die sogenannte „Preußenstube“ geführt. Die einstige Waschküche wurde liebevoll in einen Ort der Gemütlichkeit verwandelt. Die alten Fenster wurden aufgemöbelt, ein Kaminofen sorgt an kalten Tagen für wohlige Behaglichkeit, das Porzellan mit Zwiebelmuster wartet im Schrank auf seinen Einsatz. „Viele Motorradfahrer und Freunde, die uns besuchen kommen, finden es urgemütlich in der Preußenstube und wollen meist gar nicht mehr weg“, verrät uns Rosi lachend. Ihren Namen verdankt die Stube einem alten Schild mit dem Aufdruck „Zum Preußen“, das Udo Müller gefunden hat.

Wir wissen gar nicht, wo wir zuerst hinschauen sollen: zu den Lampen an der Decke, die, wie wir erfahren, noch von Udos und Rosis Urgroßeltern stammen, zu den Gemälden an den Wänden, die ein befreundeter Künstler dem Paar geschenkt hat oder zu den Modellflugzeugen, die an unsichtbaren Schnüren hängend durch die Luft zu schweben scheinen.

Der Kaffee dampft in den Zwiebelmuster-Tassen und auf einem Servierteller laden Kekse zum Zugreifen ein. Wir fühlen uns sofort wohl und lauschen gespannt den Erzählungen der beiden.

Die Begeisterung für Zweiräder

Die Leidenschaft für Zweiräder – motorisiert und ummotorisiert – hat die beiden einst zusammengeführt. „Wir sind durch gemeinsames Leid und unser gemeinsames Hobby verbunden“, verrät Rosi. „Mein Ehemann und Udos Ehefrau sind im selben Jahr verstorben. Ich habe zu der Zeit in Ludwigsfelde gewohnt, aber ich kannte Udo schon aus der Zweiradszene. Irgendwann haben wir dann beschlossen, gemeinsam durch den Rest des Lebens zu gehen.“ 

Zu der Zeit hatte Udo Müller in der Glindower Chausseestraße sein erstes Zweiradmuseum eröffnet. „Ich habe mit 15 Jahren die Motorradprüfung abgelegt, ich musste danach aber noch ein halbes Jahr warten, bis ich im Oktober endlich 16 wurde und den Führerschein ausgehändigt bekam,“ erinnert sich der heute 83-Jährige schmunzelnd. Seitdem dreht sich bei dem Glindower alles um Zweiräder – obwohl er auch im Flugmodellbau große Erfolge feierte. So war er zum Beispiel 1960 Deutscher Meister im Modellflug. 

Das Zweirad- und Technikmuseum

„Ich war einst auf dem Marktplatz auf der Insel Zuschauer einer Motorrad-Rallye. Das hat mich so begeistert, dass ich sofort Feuer gefangen habe“, erklärt er uns. Nachdem zunächst ein Motorrad den Weg in die heimische Garage gefunden hat, wurden es mit der Zeit immer mehr und irgendwann reichte der Platz nicht mehr aus.  

Er habe dann durch einen Bekannten die Räumlichkeiten in der Glindower Chausseestraße mieten können. Die knapp 100 Quadratmeter Ausstellungsfläche waren schnell mit allerlei historischen, seltenen und wertvollen Exponaten gefüllt. 

„Die MEGA AG kam damals auf uns zu und hat uns Räumlichkeiten in der Mielestraße angeboten. Da der Platz in Glindow langsam knapp wurde, haben wir gerne zugesagt“, so Rosemarie Jordan. Und so zog das Zweirad- und Technikmuseum 1998 von Glindow in die Havelauen auf 300 Quadratmeter, die sich im Laufe der Jahre auf 530 Quadratmeter Ausstellungsfläche vergrößerten. 

„Wir hatten in der Mielestraße mit einem Exponat aus dem Jahre 1902 das älteste fahrtüchtige Motorrad im ganzen Land Brandenburg. Und das teuerste Motorrad der Welt, mit einem Gesamtwert von etwa 400.000 Euro durften wir auch ausstellen“, erinnert sich Udo stolz. Das Museum war ein Erfolgsschlager: Knapp 65.000 Besucher kamen in den 14 Jahren seines Bestehens in die Mielestraße. 

„Damals waren die Havelauen ja noch nicht so bebaut wie heute, es gab wenige Anwohner. Und dennoch hatten wir zahlreiche Besucher.“ Besonders gefreut hat es die beiden, wenn Schulklassen den Weg in das Museum gefunden haben. „Udo hat dann sein Können auf dem Hochrad vorgeführt, das sorgte für Staunen. Und die Schüler durften draußen sogar Kinderhochräder ausprobieren.“

Doch dann kam eines Tages der Schock in Form eines Briefes, der an einem Montagmorgen im August im Briefkasten lag. „Die MEGA AG war nicht mehr Besitzer des Gebäudes, in dem das Zweiradmuseum war. Der neue Besitzer schickte uns ohne Begründung einfach die Kündigung zum nächstmöglichen Termin“, erinnert sich Rosi, auch heute immer noch fassungslos und bestürzt über diese Entscheidung. „Wir haben vermehrt versucht, mit dem Besitzer zu sprechen, aber keine Chance, wir mussten schließen.“ 

Die Exponate im Zweiradmuseum waren private Leihgaben. Das Paar aus Glindow hat dann nach Rücksprache mit den Besitzern versucht, einige Exponate zu verkaufen. „Der Verkauf hat auch gut geklappt, wir kannten die Preise ja. Etwas geärgert hat mich aber, dass einige Zweiräder anschließend für das Doppelte bei eBay angeboten wurden – aber das gehört dazu“, erinnert sich Udo. 

Nicht alle Exponate wurden jedoch verkauft, einige haben auch ihr zweites Zuhause bei Udo und Rosi in Glindow gefunden. Wir möchten von den beiden wissen, ob sie ein Lieblingszweirad haben. „Unsere absoluten Lieblinge sind unsere vier D-Räder von den Deutschen Industriewerken. Von 1922 bis 1933 wurden die D-Räder in Berlin Spandau gefertigt.“

Die Liebe zum D-Rad

Die Begeisterung für die in Berlin Spandau gefertigten Motorräder geht über die reine Sammel- bzw. Besitzfreude hinaus. Im Jahr 1995 initiierten Rosi und Udo das erste D-Rad-Treffen nach 70 Jahren. Das letzte Treffen dieser Art fand 1929 statt. D-Rad-Begeisterte von Nah und Fern kamen vom 1. bis zum 3. September 1995 nach Glindow, um sich untereinander auszutauschen, gemeinsame Ausfahrten zu machen und natürlich eine tolle Zeit zu verleben. 

Seitdem findet das D-Rad-Treffen wieder jedes Jahr statt – immer an einem anderen Ort, so zum Beispiel in der Schweiz, am Bodensee oder im Schwarzwald. In den Jahren 2000 und 2005 machten die D-Rad-Freunde nochmals in Glindow Halt. 

Der MC Blütenstadt Werder (Havel) e.V.

Die Idee für das Museum in Glindow stammte zwar von Udo Müller, doch die Umsetzung schaffte er nicht allein. Gemeinsam mit 19 Freunden gründete er 1987 den Motorsportclub „Blütenstadt“ Werder (Havel) e.V. Zusätzlich zur Pflege und Förderung technischer Kultur sowie gemeinsamen Treffen und Ausfahrten sollte eben auch die Vermittlung der Zweirad-Historie Bestandteil des Vereinslebens sein.

25 Jahre lang war Udo Müller Vorsitzender des von ihm mitbegründeten Vereins, heute ist er sein Ehrenmitglied. 

Mit einer ganz besonderen Veranstaltung haben sich Rosi und Udo am 12. September dieses Jahres aus der Zweirad-Szene verabschiedet. Gemeinsam mit Lennard Drews initiierte Udo Müller das erste Märkische-Gespannführer-Treffen in Glindow. Neben einer Ausfahrt und einem Fahnenkorso durch Glindow standen Benzingespräche bei Kaffee und Kuchen auf dem Programm. Das Fazit der ersten Veranstaltung dieser Art war durchweg positiv und es wird wahrscheinlich nicht die letzte gewesen sein. 

Zum Abschied führt uns das Paar noch in seine Garage. Die blank polierten Zweiräder stehen ordentlich in Reih und Glied, die Vitrinen sind geschmückt mit allerlei historischen Andenken. In der angrenzenden Werkstatt findet sich alles, was das Schrauberherz begehrt. Gerne würden wir den beiden einmal beim Schrauben auf die Finger gucken, dabei den Klängen aus dem historischen Radio lauschen und vielleicht noch solch ein leckeres Plätzchen naschen. 

Liebe Rosi, lieber Udo, vielen lieben Dank, dass Sie uns so herzlich willkommen geheißen haben und wir einen wunderbar kurzweiligen Vormittag gemeinsam mit Ihnen genießen durften. (wsw)