Zwischen Willkommenskultur und Ablehnung

Man darf Angst haben. Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten, dem Anderen. Doch die Angst darf nicht die Oberhand über unser Denken und unser Handeln gewinnen und sich in Wut und Hass verwandeln.

Mo und Paiman, Foto: wsw

Werder (Havel), 3. September 2018 – Wir können nicht für alle Flüchtlinge sprechen, die in unsere Stadt kommen. Aber wir haben zwei von ihnen getroffen, die uns mit ihrer Energie, ihrer Weitsicht und ihrem Engagement unendlich begeistert haben. Vielleicht lassen Sie sich ja von dieser Begeisterung anstecken und können bestenfalls sogar die eine oder andere Schublade in Ihren Gedanken neu sortieren.

Einige von Ihnen kennen Paiman bestimmt. Wer einen Handyvertrag abschließen möchte oder auf der Suche nach geeigneten Schreibwaren ist, kehrt unweigerlich bei Karalus Unter den Linden ein. Hier empfängt und begrüßt der 19-jährige Afghane seit April 2016 die Kunden. Angefangen hat alles mit einem Praktikum – heute ist Paiman ausgebildeter Verkäufer in Festanstellung. Doch der Weg dahin war schwer. Mit gerade einmal 16 Jahren kam Paiman im November 2015 nach Deutschland. Er verließ nicht nur seine Eltern, seine drei Brüder und seine kleine Schwester, sondern auch seine Heimat. Sein Vater ist ein erfolgreicher Unternehmer mit einer eigenen großen Firma in Afghanistan und auch Paiman startete in seinem Heimatland mit seinem eigenen Geschäft für Computerreparaturen voll durch. Doch eines Tages kamen die falschen Leute in sein Geschäft und wollten, dass er ihnen mit seinem Wissen unentgeltlich im Kampf gegen die „Guten“ zur Seite stand. Dies verneinte der junge Ladenbesitzer vehement und von da an änderte sich sein Leben, wie er es bis dahin kannte, grundlegend. Er wurde u.a. mit einer Pistole bedroht und sein Geschäft in Brand gesteckt. Korrupte Gesetzeshüter deckten seine Peiniger und Paiman sah keinen anderen Ausweg, als zu fliehen.
Seine erste Station in Deutschland war Frankfurt am Main. Seine Tante lebte bereits in der hessischen Metropole, doch Paiman befürchtete, wenn er bei ihr bliebe, könnte er sich nicht vollständig auf das Land, das nun seine vorläufige Heimat sein sollte, einlassen. Er konnte sich jedoch nicht selbstständig einen Wohnsitz aussuchen, sondern wurde als unbegleiteter Flüchtling in ein entsprechendes Heim geschickt, wo ein Platz für ihn frei war. „Wenn ich bei meiner Tante geblieben wäre, wäre ich permanent mit der Kultur meines Heimatlandes in Berührung gekommen und hätte hauptsächlich Persisch gesprochen. Doch ich wollte unbedingt selbstständig werden und Deutsch lernen“, erklärt der junge Mann.
Und so landete Paiman erst in Potsdam und dann im September 2016 in Damsdorf in einer Art Sammelstelle, wo er drei Monate blieb, bevor er in ein Heim in Kloster Lehnin geschickt wurde. Eines Tages lernte er bei einem Arztbesuch Frau Dr. Klemm aus Göhlsdorf kennen. Da er in Afghanistan schon früh gelernt hat, Englisch zu sprechen, konnte er sich mit der Ärztin unterhalten. Er wollte unbedingt Deutsch lernen und bat sie um Hilfe. Aus diesen ersten Gesprächen entstand eine unglaubliche Verbindung. Die Mutter von Frau Dr. Klemm ist eine ehemalige Deutsch-Lehrerin. Sieben Monate radelte Paiman jeden Tag von Damsdorf nach Göhlsdorf, um mit Mama-Klemm Deutsch zu lernen. Die Stunden des Lernens wurden ganz bald zu Treffen zwischen Freunden. Die gesamte Familie Klemm wurde von dem jungen Afghanen so sehr ins Herz geschlossen, dass er heute sagt: „Ich habe eine zweite Familie hier in Deutschland gefunden. Ich danke ihr für alles, was sie für mich getan hat.“
Doch Paiman hat in der ganzen Zeit nicht untätig in seinem Zimmer im Heim gesessen: „Ich wollte einfach nur arbeiten, ich muss immer in Bewegung sein. Wenn man ständig nur zu Hause sitzt und nichts macht, kann man nichts erreichen.“ Und so fuhr er schon in seiner ersten Zeit hier zweimal die Woche nach Brandenburg, um in einem kleinen Büro Computer zu reparieren. Stolz erzählt er uns von dem Moment, als er sein erstes schriftliches Zeugnis für seine Arbeit in den Händen hielt. Von April bis September 2016 absolvierte er ein Praktikum bei Karalus in Werder und im Oktober 2016 begann er hier auch seine schulische Ausbildung, die er im Juni dieses Jahres erfolgreich beendete. Paiman war der einzige von 200 Flüchtlingen in seinem Heim, der eine Ausbildung geschafft hat. „Seit Juni lebe ich ohne finanzielle Unterstützung. Ich bin der gesamten Familie Karalus zu unendlichem Dank verpflichtet. Sie haben an mich geglaubt und mir eine Chance gegeben“, so Paiman. Der junge Afghane hat sehr gute Chancen, ein dauerhaftes Bleiberecht für Deutschland zu erhalten. Eine viereinhalbstündige Anhörung beim BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Berlin) hat er im Mai 2017 bereits mit einem positiven Ergebnis absolviert. „Deutschland ist schön, aber mein Heimatland ist Afghanistan. Ich möchte wieder zurück gehen, wenn dort Ruhe und Sicherheit herrschen. Doch bis dahin möchte ich versuchen, so viel wie möglich zu erreichen. In Deutschland stehen einem alle Türen offen, wenn man sich engagiert“, erklärt Paiman.
Der junge Flüchtling, der in den letzten Jahren so schnell erwachsen geworden ist, möchte nun anderen Menschen helfen, die in der gleichen Situation wie er sind. Er wohnt nun schon länger in Werder, fährt jedoch immer noch regelmäßig in das Heim nach Kloster Lehnin, um dort seine Hilfe anzubieten. „Ich möchte so viele junge Menschen wie möglich motivieren, eine Ausbildung zu beginnen und schlussendlich auch durchzuziehen.“

Seit Ende 2002 ist Muwafaq Saeed (bekannt als Mo) in Deutschland. Sein Heimatland Jemen ist geprägt von Krieg und Terror. Ein Ende des dort herrschenden Bürgerkrieges ist nicht in Sicht. „Der Jemen ist leider, wie der Iraq und Syrien, zu einem Kriegsstadion der großen Weltmächte geworden. Ein Menschenleben hat dort keinen Wert mehr“, berichtet Mo.
Mo kam mit 19 Jahren nicht als Flüchtling hier her, sondern als Student. Nach dem Absolvieren eines Sprachkurses, holte er sein Abitur in Hamburg und Sachsen Anhalt nach, das so genannte Studienkolleg für ausländische Studierende. Im Anschluss begann er ein Studium im Verkehrswesen an der Technischen Universität Berlin, seiner damaligen Heimatstadt. Aus finanziellen Gründen musste er das Studium jedoch nach wenigen Semestern abbrechen. In Berlin lernte Mo seine heutige Ehefrau Christin kennen, mit der er eine zweijährige Tochter hat. Seine bessere Hälfte ist gebürtige Werderanerin und so besuchte Mo sie zur damaligen Zeit immer wieder in der schönen Havelstadt. „Werder ist ein so traumhafter Ort. Berlin war mir immer zu laut und zu viel, ich wollte da einfach nur weg. In Werder fühle ich mich wohl und angekommen“, so der 35-Jährige.
Nach beruflichen Stationen u.a. als Senior Agent im Qualitätsmanagement bei Arvato wurde schließlich sein aktueller Arbeitgeber bei Stepstone auf den sympathischen Mo aufmerksam. Heute arbeitet er als Consultant Relationship Manager für Autohäuser und betreibt nebenbei sehr erfolgreich ein selbstständiges Kleingewerbe im Bereich Computerreparatur.
Vor Kurzem hat sich der gebürtig aus dem Jemen Kommende dem ehrenamtlichen Netzwerk „Neue Nachbarn in Werder“ angeschlossen. Hier fand erst kürzlich ein Drachenbootfahren mit Ehrenamtlichen und Flüchtlingen statt. „Leider ist es schwierig, Kontakt zu Deutschen aufzubauen. Der Deutsche ist generell glaube ich sehr vorsichtig. Umso mehr möchte ich meinen Schwiegereltern danken, die mich so herzlich in die Familie aufgenommen haben und mir die Möglichkeit gegeben haben, mich zu integrieren. Ich hatte bei ihnen niemals das Gefühl, ein Fremder zu sein,“ erklärt Mo sichtlich gerührt.

Paimain und Mo eint die Liebe zur Fotografie und die Begabung im Umgang mit Computer- und Handyreparaturen aller Art. Dies ist wahrscheinlich die einzige Schublade, in die man diese beiden herzlichen Werderaner stecken sollte. Eines möchten Paiman und Mo unbedingt noch klarstellen: „Wir distanzieren uns von jedem, der im Namen der Religion Böses tut.“

Eine direkte und einfache Lösung in Hinblick auf das im Oktober eröffnende Flüchtlingsheim auf der Jugendhöhe, wie man bestehende Barrieren überwinden kann, haben Mo und Paiman nicht. „Wir können die Ängste verstehen, wir haben ja auch welche“, sind sich die beiden einig.
An der individuellen Wahrnehmung bestimmter Ereignisse lässt sich nur schwer etwas verändern. Doch meist entsteht ein Unwohlsein gegenüber bestimmten Gruppen nicht aus persönlichen negativen Erfahrungen, sondern aus Erzählungen von Dritten und (Fake-)Nachrichten. (Vor-)urteile entstehen dann nur aus Überlieferungen und selten aus eigenen Erlebnissen.
Jeder Mensch, egal welchen kulturellen oder geografischen Ursprungs, sollte die Möglichkeit haben, sich zu beweisen und seinen Mitmenschen zu zeigen, was er kann und wer er ist. Nur weil wir Werderschen, Werderaner oder Zugezogenen das Privileg haben, hier in der Region geboren bzw. hierhergezogen zu sein, dürfen wir anderen Menschen nicht die Tür zu „unserem Werder“ verschließen, schließlich ist kein Mensch illegal. Und welche Beweggründe die Flüchtlinge auch hatten, sich auf den weiten Weg von ihrer Heimat nach Deutschland zu machen, wir werden es nie erfahren, wenn wir sie nicht danach fragen.